Ein Interview mit Topmodel Eva Padberg

... über Schummeleien in der Modewelt, ihre neue Model-Casting-Show, ihren Mann, der sie „schiebt“ und Kinder, die sie noch nicht hat.

Ihr Buch ist ein Ratgeber, in dem Sie alphabetisch Modelbegriffe erklären. Was bitte sind „Chicken Filling“ oder „Schnitzel Eclair“?

Padberg: Das sind die Silikoneinlagen, mit denen man ein schönes Dekolleté erschummelt. Die Sachen sind witzig gemeint. Manche finden das total überraschend. Für mich ist das komisch, weil ich weiß, dass in der Branche viel geschummelt wird. Ich sehe das immer bei meinen Eltern. Die wundern sich, dass das nicht meine echten Haare waren. Die sind dann manchmal ganz schockiert.
Warum wollten Sie Model werden?
Padberg: Mit dem Begriff Model konnte ich damals noch gar nicht so wahnsinnig viel anfangen. Ich hatte von Claudia Schiffer und Cindy Crawford gehört. Ich hatte anfangs bei einem Casting aus Spaß mit einer Freundin mitgemacht und mich mit ihr zusammen beworben. Keiner hat damit gerechnet, dass man eingeladen wird und unter die letzten zehn kommt. Es war für mich als Teenager eine tolle, spannende Erfahrung. Ich wollte einfach nur Spaß haben. Dass dann eine Agentur anrief und Interesse anmeldete, war für mich ein Nebeneffekt. Ich wusste aber gleich, als sie anriefen, dass ich das ausprobieren will und, wenn ich die Chance geboten bekomme, sie auch nutzen würde. Ich war mir allerdings überhaupt nicht im Klaren darüber, was das dann für mich heißt.
Aus dem Spaß ist dann Ernst geworden. Aber es ging nicht gleich mit Vollspeed los, sondern dauerte seine Zeit. Was hat Sie an der Idee festhalten lassen?
Padberg: Das frage ich mich heute auch manchmal noch, warum ich das so lange durchgehalten habe. Ich habe die Schule besucht, bis ich 18 war. Danach bin ich nach Paris und Japan gereist und habe eigentlich wahnsinnig gelitten. Ich hatte Heimweh, war einsam und habe mich anfangs ein bisschen gequält. Der Grund, warum ich immer wieder weitergemacht habe, war, dass die Agenturen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, gesagt haben: „Das wird eines Tages funktionieren.“ Die Aussicht, einmal Erfolg zu haben und damit tatsächlich viel Geld zu verdienen, war natürlich sehr verlockend. Man wollte das schon. Der Ehrgeiz war schon da, irgendwann mal zu denen zu gehören, die damit Geld verdienen und da erfolgreich sind. Aber wenn meine Eltern mich in der Zeit nicht unterstützt hätten und wenn ich von zu hause nicht den Rückhalt gehabt hätte, hätte ich wahrscheinlich nicht so lange durchgehalten oder wäre ganz schnell in der Modewelt untergegangen. Aber ich hatte eine ganz gute Balance von einer ehrgeizigen Agentur und sehr verständnisvollen Eltern.
In Japan ist der Knoten geplatzt. Was ist dort passiert?
Padberg: Das war meine erste wirklich weite Reise. Mit 18 bin ich für sechs Wochen nach Tokio gegangen. Anfangs war das schrecklich. Ich habe mit zwei anderen Mädchen, die aber Schwestern waren, in einem Apartment gewohnt. Da war ich auch wieder so ein bisschen außen vor. Dann habe ich in Japan aber das erste Mal gemerkt, dass ich für Jobs gebucht werde. Am Ende bin ich damals mit ein paar Tausend Mark nach Hause geflogen, bin in Erfurt in den Media Markt gegangen und habe mir eine Videokamera gekauft. Das war mein erstes selbst verdientes Geld. Da war ich sehr stolz.
Gab es für Sie einen Plan B, wenn es mit der Karriere nicht geklappt hätte?
Padberg: Nein. Ich habe mit 15 angefangen und mir ab da keine Gedanken mehr gemacht, was schlimm ist. Es ist nicht zu empfehlen. Mit 14 wollte ich in die kreative Branche. Grafikdesign hätte mich interessiert. Wenn das Modeln nicht dazwischengekommen wäre, hätte ich mich auf diese Laufbahn eingeschossen.
Sie wirken eher zurückhaltend und still. Müsste man nicht in dieser Branche jemand sein, der laut und vordergründig ist, um immer in der ersten Reihe zu sein?


Padberg: Das glaube ich nicht. Es gibt sehr unterschiedliche Beispiele. Wenn man ganz Prominente nehmen will: Der Vergleich zwischen Naomi Campbell und Claudia Schiffer – das sind auch zwei ganz unterschiedliche Typen. Die eine ist sehr laut und extrovertiert. Die andere führt ein Familienleben, ist aber trotzdem wahnsinnig erfolgreich. Man muss nicht die Ellenbogen ausfahren, um sich in der Branche einen Namen zu machen. Wenn man natürlich ein tolles Package mitbringt, das Äußere stimmt und man ein interessanter, auffälliger Charakter ist, kann das manchmal schon helfen. Aber manchmal haben die Leute auch irgendwann die Schnauze voll, wenn jemand die ganze Zeit nur anstrengend ist und man immer gut auf ihn einreden muss. Ich arbeite oft mit Kunden zusammen, die sagen: „Du bist immer so geduldig, wie machst du das? Wir haben immer so schlimme Erfahrungen gemacht.“ Dann frage ich mich immer: Was passiert denn da bei den anderen Shootings? Ich habe das nicht erlebt. Bei den Mädchen, mit denen ich gearbeitet habe, läuft meist alles sehr gesittet ab. Wir sind alle ganz nett zueinander.
Trotzdem ist man in dem Job immer in der Situation, unweigerlich verglichen zu werden. Nervt das nicht irgendwann?
Padberg: Mich nervt es nicht. Vielleicht habe ich mich daran gewöhnt. Ich vergleiche ja auch. Man braucht eine Schublade, wo man jemanden reintut, um zu wissen, wo gehört der jetzt hin. Wenn dazu Vergleiche wie „die nächste Heidi Klum“ gezogen werden, ist das für mich okay. Ich habe keine Probleme, mit jemandem verglichen zu werden, der vielleicht ganz toll ist. Wenn man natürlich mit jemandem verglichen wird, den man selber nicht gut findet, kann das schon nerven. Aber ich kann mich jetzt an keine Situation erinnern, in der das so war.


Sie sind gebürtige Thüringerin und hatten schon in sehr jungem Alter Gelegenheit, raus in die Welt zu ziehen. Hatte das für Sie eine Faszination, wenn Sie wiederkamen und Ihren Schwestern und Eltern berichten konnten?
Padberg: Meine Mutter erzählte, dass ich in den ersten Jahren immer raus wollte. Ich hatte mich auf dem Dorf gelangweilt, wollte irgendwohin fahren und die Stadt sehen. Aber dann fiel es mir doch ganz schön schwer. Gerade in den ersten Jahren war es im Nachhinein sehr schade. Ich war mit 18 in Tokio und habe mir nichts von der Stadt angeguckt. Warum war ich damals so verbrettert? Ich hatte stellenweise Scheuklappen auf. Ich habe meinen Job gemacht, bin zum Casting gegangen und hab mich danach für nichts mehr interessiert, was irgendwie mit meiner Umgebung zu tun hat. Es ärgert mich, dass ich damals so vernagelt war. Mittlerweile habe ich zu Hause ein ganzes Regal mit Reiseführern. Auch wenn ich irgendwo nur für zwei Tage hinfahre, hole ich mir einen Reiseführer, damit ich schon mal weiß, was ich mir alles angucken kann. Als ich noch jung war, war ich einfach zu schüchtern. Es war alles zu neu, was da auf mich eingeflossen ist. Ich war froh, wenn ich in Tokio U-Bahn gefahren bin, dass ich überhaupt von A nach B gekommen bin – das ist ja alles auf Japanisch. Da war ich erst mal nur überfordert in der Situation. Aber ich habe daraus gelernt und bin mittlerweile ein sehr erfahrener Tourist.
Sie sind viel unterwegs. Gibt es Unterschiede, ob Sie in Europa, Amerika oder Asien arbeiten? Oder ist die Branche weltweit gleich?
Padberg: Es gibt große Unterschiede. Allein wenn man New York und Paris sieht, hat jede Stadt ihren eigenen Stil und ihre festen Designer, die für den Look von Paris stehen. Chanel und Dior gehören natürlich nach Paris. Das ist ihre Heimat. Japan ist für mich schwierig gewesen. Es ist erstaunlich, dass ich da trotzdem recht viel gearbeitet habe. Denn gerade in Japan sind die Kleidergrößen anders als in Europa. Mir war eigentlich alles zu klein. Das ist natürlich für den japanischen Markt geschneidert. Dann ist der Markt in manchen Ländern kommerzieller, in manchen Ländern ist man schon ein bisschen fortgeschrittener. Die Stile entwickeln sich von Land zu Land unterschiedlich.
New York ist Ihr Lieblingsort für Sie. Sie hatten lange eine Wohnung dort, jetzt auch immer noch einen Koffer …
Padberg: Einen Lagerraum.
… und Sie erzählten, dass Sie dann auch Ihr Konto in New York auflösten und 3500 Dollar auf den Kopf geschlagen haben.
Padberg: Ich hatte eine ganze Woche Spaß. Ich wusste gar nicht mehr, dass das Konto noch existiert. Ich hatte das schon drei Jahre da liegen. Ich habe mir das Geld auszahlen lassen, mich diebisch gefreut und eine Woche lang die Stadt genossen und Freunde zum Essen eingeladen.
Sie sind auch als Techno-Duo Dapayk & Padberg unterwegs. Eins der großen Konzerte, das Sie gemacht haben, war im vergangenen Jahr bei der Loveparade in Duisburg, als sich noch nicht abzeichnete, was dann passierte. Wie haben Sie von dem Unglück erfahren?
Padberg: Wir haben in dem Moment davon erfahren, als wir von der Bühne gegangen sind. Die Informartionen kamen relativ verzögert bei uns backstage an, da das ganze Handynetz zusammengebrochen war und die Veranstalter lange nicht wussten, was los war. Wir waren erschüttert und fragten uns absurderweise, ob wir mitschuldig waren, weil wir gerade noch auf der Bühne standen, Spaß hatten und euphorisch waren, weil wir vor Hunderttausenden Musik machten, während ein paar Hundert Meter weiter Menschen starben. Das war schrecklich. Dafür kann man keine Worte finden, weil man so erschüttert ist, dass sowas passieren kann. Es war so unwirklich. Das dauerte noch den ganzen Abend. Wir saßen noch im Hotel und haben die Nachrichten verfolgt. Das war ein schrecklicher, schwarzer Tag.
Ihr Mann ist Musikproduzent. Sie machen zusammen Minimal Techno.
Welche Rolle spielt die Musik für Sie?

Padberg: Musik ist bei mir Herzensangelegenheit, Abschalten, Entspannung, Loslassen. Musik hat immer nur mit positiven Erfahrungen zu tun. Ich bin dankbar, dass ich so einen talentierten Mann habe, der überhaupt erst der Grund dafür ist, dass ich Musik machen kann. Ich habe zwar im Schulchor gesungen und war eine leidenschaftliche, wenn auch keine besonders gute Sängerin und auch Tänzerin, aber in meinem Leben gehört das nun durch meinen Mann dazu. Wir haben das Studio bei uns zu Hause. Bei uns ist immer Musik im Haus. Das macht alles noch viel schöner.
Im Moment probieren Sie einige Nebenstraßen aus, machen Musik, schreiben und filmen. „Wickie“ ist grad im Kino. Es gab auch schon den Film „Maria an Callas“ mit Götz George. Sind Sie mit Anfang 30 in einer Phase, in der Sie für sich einen Weg finden müssen?
Padberg: Lustigerweise versucht mich mein Mann seit zehn Jahren für etwas Anderes zu bewegen, weil er sehr vielseitig interessiert ist und viele Projekte hat. Ich bin eher der gemütliche Typ und bin zufrieden, wenn ich zu Hause sein und mich um den Haushalt kümmern kann. Ich bin eine tolle Hausfrau. Aber ich möchte auch diese Gelegenheit nicht ungenutzt lassen. Wahrscheinlich habe ich doch einen gewissen Ehrgeiz in mir, der mich dazu antreibt. Die Schauspielerei ist unheimlich beängstigend. Ich glaube, es tut mir aber ganz gut, mich dieser Angst zu stellen. Diese Nebenstraßen sind für mich momentan sehr wichtig.
Wenn man auf Ihre Internetseite geht, kann man sich ein Autogrammfoto herunterladen. Ist das Ihr Lieblingsbild, das, auf dem Sie sich am wohlsten und am besten getroffen fühlen?
Padberg: Nein, eigentlich nicht. Es ist ein sehr schönes Schwarz-Weiß-Bild. Ich mag die Fotos, auf denen ich größtenteils ungeschminkt bin und auf denen ich mich selber noch als Eva erkenne.

Es fällt Ihnen nicht schwer, weil es ihr Job ist, alle möglichen Posen einzunehmen und Gesichtsausdrücke zu zeigen. Aber von Ihrem Mann würden Sie sich nicht fotografieren lassen. Warum?
Padberg: Er kennt mich zu gut und nimmt mir diese Posen nicht ab. Ab und zu muss er mich mal fotografieren, wenn ich Fotos zu Kunden schicken muss, die wissen wollen, wie lang die Haare zurzeit sind, oder einfach mal so einen aktuellen Blick haben wollen, wenn ich mich gerade nicht selbst vorstellen kann. Das ist wahnsinnig frustrierend, wenn der Mann einen fotografiert und immer sagt: Jetzt guck doch mal schön. Das führt dann meistens zu schlechter Stimmung. Deshalb lasse ich das jetzt.
Ihr Mann ist jetzt auch mit Ihnen zusammen auf einem Foto für eine Werbekampagne.
Padberg: Das war eine Modestrecke für eine Männerzeitschrift, in der es um Männermode geht. Die Redakteurin kenne ich schon seit einer Weile. Sie fand ihn als Musiker und als Typ ganz interessant. Sie hatte nach einem coolen jungen deutschen Paar gesucht, das man fotografieren kann. Ich musste ihn diesmal auch gar nicht lange überreden, weil er es ganz gut fand, dass er mal im Vordergrund steht. Normalerweise ist er doch eher der Mann im Hintergrund. Bei dem Fotoshooting ging es tatsächlich um ihn als Musiker und Produzent. Ich finde es sehr toll und bin da sehr stolz.
Haben Sie auch etwas für sich selbst gelernt, was Ihnen bis dato gar nicht so bewusst war, als Sie überlegten, was Sie schreiben, was Sie von sich preisgeben?
Padberg: Ja. Ich hatte unangenehme Erinnerungen ausgeblendet, die ich beim Schreiben nicht alle auslassen konnte, sonst würde am Ende etwas fehlen. Ich habe gelernt, dass ich doch mehr zu sagen habe, als ich immer dachte.
Das letzte Mal haben wir Sie für Disy vor sechs Jahren im Blauen Salon interviewt. Wie gefällt Ihnen Dresden jetzt?
Padberg: Es wird von Mal zu Mal schöner.
Was gefällt Ihnen besonders?
Padberg: Es ist einfach diese Flut von Schönheit, die einen so überwältigt, wenn man nach Dresden kommt. Ich habe leider bisher immer noch nicht viel von der Stadt mitbekommen. Aber jedes Mal sehe ich an jeder Ecke etwas Schönes, ein interessantes Gebäude, ein altes Gebäude. Ich konnte bisher noch keins der wirklichen Dresdner Highlights aus der Nähe anschauen. So kann ich da keine Favoriten nennen.


Das Interview führten Andreas Berger und Christine Salzer