Es ist nicht immer das teuerste Haus gefährdet

Die Zahl der Wohnungsein- brüche steigt seit Jahren. Ein Problem, mit dem sich nicht nur die Polizei auseinandersetzen muss. An erster Stelle muss der Hausbewohner sich um die Sicherheit seiner vier Wände kümmern, sagt Tom Bernhardt vom Landes- kriminalamt Sachsen. Er erklärt im Disy-Interview, welche Regionen oder Bereiche besonders betro en sind und wie man sich als Bürger schützen kann. 

 

Gibt es in Dresden Stadtteile, die besonders häufig Ziel von Einbrechern werden?
Bernhardt:
Nein, da gibt es keine Tendenz. Jeder ist in gleichem Maße gefährdet. Man wird nicht öfter Ziel von Einbruchsversuchen, nur weil man eine Villa am Weißen Hirsch bewohnt. Die Diebe sind nicht dumm, die suchen sich nicht Denjenigen mit dem teuersten Haus, sondern den mit dem geringsten Schutz. Wir haben viele Fälle, in denen in Bäckereien oder Friseurläden für ein paar Hundert Euro eingebrochen wurde. Diebe wollen ja nicht reich werden, sondern manchmal einfach nur genug Geld haben, um sich bei ihrem Dealer die nächste Ration zu holen.

 

Wie häufig wird in Dresden eingebrochen?
Bernhardt:
Wir ermitteln einen Wert, der sich Häufigkeitszahl nennt und die Anzahl bekannt gewordener Fälle pro 100.000 Einwohner beschreibt. Diese lag im Jahre 2015 in Dresden bei 120, in Leipzig bei 238. Sachsenweit gesehen sind es 105 Wohnungseinbrüche auf 100.000 Einwohner. Zum Vergleich: Schwere Körperverletzung liegt bei 125, Ladendiebstahl bei 571.

 

Wie kommt es, dass diese Quote in Leipzig fast doppelt so hoch ist, wie in Dresden? Bernhardt: Das hängt mit der Lage zusammen. In Leipzig gibt es viele Wohngebiete, die direkt an der Autobahn liegen. Da kommt der Täter schnell hin und schnell wieder weg.

 

Sind städtische Regionen gefährdeter oder ländliche?


Bernhardt: Der Stadtbereich ist gefährdeter, denn hier ist der Täter anonym. Auf dem Dorf weiß Jeder gleich, wann wo ein fremdes Auto durchgefahren ist. Dort fällt ein Kastenwagen oder ein fremdes – möglicherweise ausländisches – Kennzeichen eher auf. In der Stadt muss der Täter nur zwei Straßen weiter fahren oder in einen Laden gehen, schon ist er unsichtbar. Aber auch auf dem Dorf ist immer hohe Vorsicht geboten. Die Zeiten, in denen man den Autoschlüssel stecken oder den Haustürschlüssel in den Briefkasten fallen lassen kann, sind vorbei. Das ist bei vielen leider noch nicht angekommen. 

 

Wie ist es zu erklären, dass die Anzahl der Straftaten insgesamt zurückgeht, aber gerade Wohnungseinbrüche so gravierend zunehmen?
Bernhardt:
In diesem Bereich wird das Verbrechen immer organisierter. Wir haben es zwar auch noch mit dem klassischen Einbrecher zu tun, der nachts von Tür zu Tür geht und guckt, wo er einsteigen kann. Zunehmend gibt es aber auch professionelle Banden, gerade aus Osteuropa, die sehr gewieft und meist mit striktem Plan vorgehen. Dennoch sind wir in ostdeutschen beziehungsweise grenznahen Regionen nicht besonders schwer betroffen. Sachsen liegt diesbezüglich im Mittelfeld. Wir verzeichnen im Bereich Wohnungseinbrüche einen nationalen Anstieg, das ist alarmierend.

 

Wie kann man sich schützen?
Bernhardt:
Ein Drittel der Einbruchsversuche scheitern unter anderem an guten Sicherungen. Es gibt viele Möglichkeiten und wir beten es der Bevölkerung geradezu vor, sich überhaupt erst einmal zu informieren. Leute geben so viel Geld für ihre Inneneinrichtung aus, aber zu wenig, um diese zu schützen. Sie zahlen gerne 300 Euro mehr für einen besseren Fernseher, aber nehmen lieber das Türschloss für 80 statt 200 Euro. Es gibt Systeme, die bei unbefugtem Betreten sofort einen Wachdienst benachrichtigen, der in zehn Minuten vor Ort ist. Die KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau) fördert sogar Sicherungsmaßnahmen mit 10 Prozent beziehungs- weise 2.000 Euro.

 

Welche Rolle spielt Nachbarschaftshilfe?
Bernhardt:
Die spielt eine sehr wichtige Rolle. Nachbarn sollten sich gegenseitig immer helfen, beispielsweise den Briefkasten leeren oder die Rollläden hoch machen, wenn der andere im Urlaub ist. Besonders im ländlichen Raum ist das essenziell. Hier klappt das auch oft ganz gut. 

 

Gibt es dafür nicht auch gute automatische Systeme?
Bernhardt:
Prinzipiell schon, aber wenn ein potenzieller Einbrecher das Haus oder eine Wohngegend beobachtet und sieht, dass jeden Morgen zur exakt der selben Zeit das Rollo hoch und das Licht angeht, aber die ganze Zeit kein Auto auf dem Hof steht, dann lässt er sich davon auch nicht an der Nase herumführen. Die sind da sehr diszipliniert und gehen professionell vor. 

 

Was können Sie vonseiten der Polizei dagegen tun?
Bernhardt:
Wir tun natürlich unser Möglichstes, aber das ist keine Personalfrage. Es können nicht jede Nacht in jeder Straße Polizeistreifen unterwegs sein. Die Leute selbst arbeiten zu wenig daran. Wir helfen auch, indem wir sie darauf aufmerksam machen. 

 

Mit welchen psychischen Belastungen hat ein Einbruchsopfer zu kämpfen?
Bernhardt:
Dieses Problem sollte man nicht unterschätzen. Das wiegt oft noch mehr, als ein materieller oder ideeller Verlust. Selbst wenn nichts gestohlen wurde, wissen die Leute, dass Jemand in der Wohnung war und die Sachen durchwühlt hat. Diese Menschen brauchen in der Folge zum Teil psychologische Betreuung oder müssen umziehen.

 

Auf was kann ein Hausbewohner noch achten?
Bernhardt:
Generell sei gesagt: Rein kommt man überall. Aber wenn man es dem Einbrecher durch erhöhte Sicherheitsvorkehrungen schwer macht, dann wird er abgeschreckt und geht zum nächsten Haus. Der hat wenig Zeit, will nicht auffallen und keinen Lärm machen. Man sollte sich immer besser sichern, als die Leute in der Nachbarschaft. Es gibt auch Leute, die ihr Haus einseitig absichern. Die haben eine dreifach verriegelte Haustür, aber keine Sicherung an der Terrasse. Oder sie lassen das Dachfenster auf Kipp und im Garten steht eine Leiter. Das ist leichtsinnig.