Ein Tag im Leben Wladimirs

Wie ein gestresster Politiker von Termin zu Termin eilte

von Anja K. Fließbach

So ein Politiker von Welt hat es nicht leicht. Abgesehen von den Kritikern und Gegnern, ist er durch Termindichte und Zeitdruck auch einer extremen körperlichen und mentalen Belastung ausgesetzt. Als Wladimir Putin durch die Gänge des Kempinski Hotels Taschenbergpalais eilt, merkt man ihm das an. Er sieht müde aus, blass und kann sich nur schwer zu einem Lächeln durchringen. Kein Wunder bei so einem anstrengenden Dresdner Tag im Leben Wladimirs...

Früh am Morgen landet der russische Ministerpräsident in Deutschland. Zuerst besucht er Angela Merkel im Kanzleramt, wirbt bei ihr um Verständnis für die russische Position im Gasstreit, tut seine Pflicht auf der "Grünen Woche" in Berlin (Besuch der Russlandhalle) und trifft europäische Gasindustrielle zum Gespräch. Stress pur.

Kurz zur Ruhe kommt er in seinem Flugzeug auf dem 40-Minuten-Trip von Berlin-Tegel nach Dresden-Klotzsche. Der Zeitplan sieht noch gut aus. Nur 20 Minuten Verspätung, dann landet die Maschine vom Typ IL 96 um 19.21 Uhr in Dresden. Putins Encourage mit rund 90 Sicherheitsleuten, Assistenten und Beratern ist schon Tage zuvor mit fünf Flugzeugen angekommen und hat seinen Besuch vorbereitet. Zur Begrüßung ist Vize-Ministerpräsident Thomas Jurk zum Flughafen gekommen und bringt Putin zur gepanzerten Limousine. Mit Polizeieskorte geht es rasant durch die Stadt, schließlich wartet man auf dem Opernball bereits auf den russischen Politiker. Kreuzungen werden abgeriegelt, Straßen kurzzeitig gesperrt. Dresden stellt sich auf den Termindruck des Staatsmannes ein. Putins Frau Ludmilla begleitet ihren Mann übrigens nur selten auf solch stressigen Kurztrips. Auch nach Dresden ist sie nicht mitgekommen. Putins persönliche Mercedes-Limousine Long Version (angeblich wurde sie wegen der Dresdner Stadtfahrt extra aus Moskau hierher geholt) braucht 25 Minuten bis ins Zentrum. Zeit für eine kurze Pause im Kempinski Hotel Taschenbergpalais muss sein. Nach der Begrüßung eilt der russische Regierungschef in seine Suite. Taschenbergpalais-Chef Gerold J. Held hat die Kronprinzensuite vorbereiten lassen. "Französische Teppiche, englisches Eichenparkett, italienische Möbel. Die Suite wurde von einem schwedischen Designer entworfen", berichtet der Hoteldirektor stolz. Viel Zeit bleibt Putin nicht, die sechs Räume zu genießen. Frisch machen, umziehen, ein kleines Getränk - dann eilt er wieder durch die Hotelgänge und wird an einer Seitentür abgeholt, um nach nebenan zur Semperoper chauffiert zu werden. "Dass er die paar Meter nicht läuft, ist keine Frage der Zeit oder der Bequemlichkeit", verrät ein Sicherheitsbeamter. "Es sind das Protokoll und die Sicherheit des Mannes, die das verbieten."

Die kritischen Plakate einzelner Dresdner ignoriert der Ministerpräsident auf seiner Fahrt zur Oper. Vor der offiziellen Begrüßung eilt Putin zu einer exklusiven Privataudienz in den Orchester-Probenraum der Semperoper. Hier hat die Stadt und die DMG eine Dresden-Lounge eingerichtet. Rund 100 spezielle Gäste, darunter Porsche-Vorstand Wendelin Wiedeking, Schauspielerin Mariella Ahrens, Regisseur Dieter Wedel, Schauspieler Ralf Bauer und zahlreiche russische und spanische Journalisten, sind hier exklusiv geladen, um den Präsidenten hautnah zu erleben. Nur wenige Dresdner Promis sind dabei wie Modefrau Gabriele Häfner, Wirtschaftsbürgermeister Dirk Hilbert, Visagist Ronald Brendler, "Suitess"-Marketingchef Andreas Otto, Musikprofessor Arkadi Zenziper, Hilton-Verkaufsleiter Herbert Meyer und DMG-PR-Mann Christoph Münch. Es wird Champagner ausgeschenkt und Wasser gereicht. Oberbürgermeisterin Helma Orosz begrüßt den Ehrengast, danach spricht Ministerpräsident Stanislaw Tillich ein paar Worte, und Putin bedankt sich für die Einladung. Ein Dolmetscher übersetzt Orosz' und Tillichs Worte ins Russische. Spätestens da fällt die Anspannung von dem studierten und promovierten Juristen Putin ab, er wird lockerer und entspannter. So nimmt er sich sogar die Zeit, jedem Anwesenden persönlich die Hand zu geben, und ist zu privaten Fotos bereit. Schnell bilden die VIP-Gäste eine Schlange, um dem nur 1,66 m großen Staatsmann persönlich gegenüberzutreten.

Anschließend eilt Putin wieder mal durch die Gänge. Er muss in der Oper drei Etagen hinunter, um dann vom Parkett links in die Mitte des Festsaales zu schreiten, während Ministerpräsident Tillich und seine Frau Veronica über die Hauptbühne kommen. Perfekte Inszenierung. Alles läuft nach Plan. Unter dem Applaus der 2200 Ballgäste, von denen viele die Szene aus den einzelnen Räumen auf Bildschirmen verfolgen, gibt es eine erneute Begrüßung zwischen Tillich und Putin. Dann nimmt der gebürtige Leningrader auf den Stühlen in der ersten Reihe zwischen Tillich und Hans-Joachim Frey (Vorsitzender des Semperopernball e.V.) Platz und lauscht dem Programm, das von der Wiener Opernsängerin Eva Lind und dem Dresdner Entertainer Gunther Emmerlich moderiert wird. Putin bleibt cool, als Emmerlichs erster Witz auf Kosten des Russen geht. "Die Erbauer der Semperoper waren clever, elektrisches Licht zu installieren und keine Gaslaternen." Besonders genießt Putin den Vortrag des russischen Cellisten Sergej Roldugin, eines persönlichen Freundes und sogar Patenonkels von Putins Tochter Mascha, der Tschaikowski interpretierte. Während der anderen Programmpunkte flüsterte Putin immer wieder mit Frey.

Den Dankesorden für kulturelle Verdienste überreicht der Ministerpräsident mit einer Laudatio. "Kunst verbindet", sagt Tillich. "Kultur ist die Seele eines Landes, öffnet Türen, und Sie haben diese Türen kraftvoll aufgestoßen." Bevor Putin seine Dankesrede beginnt, zupft er an seinem Kragen. "Ich muss erst mal meine Fliege richten. Entschuldigung, ich bin das nicht so gewöhnt", scherzt er. Dann bedankt er sich aufrichtig für die Ehrung und den Orden, der den Heiligen Georg zu Pferde zeigt und den wie auch in den letzten Jahren Juwelier Georg H. Leicht stiftete, fertigen ließ und nun Putin persönlich dazu gratuliert.

Nachdem die Kameras ausgeschaltet sind und der offizielle Teil vorbei, verabschiedet sich der Regierungspräsident dezent und verschwindet unauffällig Richtung Taschenbergpalais. Dort warten seit 23 Uhr deutsche Journalisten auf ihn. Eine ungewöhnliche Uhrzeit für ein Pressetreffen. Aber am nächsten Morgen muss Putin schnell weiter, er hat wichtige Termine - immer noch der Streit mit der Ukraine um das Gas. Während Putin erneut hoch in seine Suite eilt, um Fliege und Smoking wieder gegen Krawatte und Anzug zu tauschen, werden die Journalisten unten mit Lachshäppchen und Obst versorgt. Das Reglement für die Presse ist dieses Mal strenger: Namensschilder und Platzvergabe.

Dann taucht Putin wieder auf dem Gang auf. Der Anzug frisch, die dunkle Krawatte sitzt akkurat. Seine Schritte sind zackig und schnell wie schon den ganzen Tag. Als er sich im Saal setzt und die Journalisten auf Deutsch begrüßt, kommt auch mal wieder ein kleines Lächeln, das seine blauen Augen aber nicht erreicht. Der grüne Tee scheint ihm neue Energie zu geben. Wenn er zuhört oder nachdenkt, spielt er mit den Dingen auf seinem Tisch. Natürlich geht es auch hier ums Gas. Putin muss schnell umschalten vom leichten und legeren Ballgeplänkel auf die provozierenden Fragen der teils sehr kritischen Journalisten. Kein Problem für den Staatsmann. Er ist auch ohne Papiere exakt informiert über Zahlen, Fakten und Details. Ein Dolmetscher übersetzt, aber Putin versteht jedes Wort und verbessert den Übersetzer mehr als einmal. Fachlich fundiert, manchmal sachlich, manchmal mit einem Hauch Ironie begegnet er den Presseleuten. Zur Euphorie über Barack Obama sagt er: "Die herbsten Enttäuschungen entstehen aus den größten Erwartungen." Sein Gesamtfazit zum Ende des politischen Teils des Gespräches und zu Ukraine und Co.: "Es wird eine Lösung geben."

Selbst dann ist noch nicht Schluss. Putin lädt Freunde in seine Suite ein. Bei einem kühlen Bierchen aus einem nostalgischen Zwei-Liter-Radebergerkrug, ein paar Zigarren und humorvollen Gesprächen, entspannt sich der Politiker. Im exklusiven Privatkreis sitzen auch Sergej Roldugin und Hans-Joachim Frey. "Ein besonderes Erlebnis", erzählt Frey später. Für Putin ist schon halb sechs die Nacht vorbei. Kurzes Frühstück, Limousine, Flughafentransfer, und schon sitzt er wieder in seinem Flieger Richtung Moskau. Für einen kurzen Blick zurück auf Dresden hat er keine Zeit. Er muss sich vorbereiten auf die nächsten Termine. Ein neuer Tag im Leben Putins.