Spaziergang mit... Dirk Zöllner

Dirk Zöllner vor der Erbgerichtsklause Niederpoyritz (Foto: © fotura.com)

Der Berliner Rocksänger Dirk Zöllner singt seit Ostern 2006 die Hauptrolle im Musical „Jesus Christ Superstar“ in der Staatsoperette. Wir trafen ihn zwischen zwei Proben zum Spaziergang durch sein „Dresden auf Zeit“.

Vom Hotel „Prinz Eugen“ in der Gustav-Hartmann-Straße, seinem Zuhause für zwei Monate, laufen wir über den Kronstädter Platz, entlang der Rudolf-Zwintscher-Straße ans Laubegaster Ufer. An jeder Straßenecke grüßt uns Dirk Zöllner von Plakaten. Er findet das komisch und versucht Abstand zu finden: „Natürlich freu ich mich darüber, jetzt hab ich wieder mal so eine Zeit, wo ich vorn auf einer Zeitung drauf bin, das ist schön fürs Herz. Aber ich lache auch darüber, weil, ein Jahr später ist es wieder anders, und es ist ja auch nicht mein Verdienst. Auf einmal macht jemand Werbung, deshalb bin ich nicht plötzlich besser.“ Mit der Laubegaster Fähre gelangen wir nach Niederpoyritz. Dirk zeigt dem Fährmann seine DVB-Monatskarte und verrät, dass er noch nie in seinem Leben einen Führerschein besaß … Vor der Erbgerichtsklause entscheiden wir uns für einen der weniger begangenen Wege in Richtung Fernsehturm und steigen den Wachwitzer Berg hinauf. Nach wenigen Metern laufen wir im Wald und können durch die Bäume eine angesichts des Wetters erstaunliche Sicht über Dresden bewundern. Während der Blick über die Stadt-Silhouette schweift, erfahren wir, dass beim Casting zu „Jesus Christ Superstar“ längst nicht klar war, dass Dirk Zöllner Jesus tatsächlich spielen würde. Nachdem er unter anderem gegen einen amerikanischen Musical-Star überzeugt hatte, musste er wieder Noten lernen, weil er die Originalaufnahmen von „Jesus Christ Superstar“ aus den 70er Jahren so entsetzlich fand, dass er sich eine eigene Darstellung erarbeiten wollte. Dass der früher als Frisurentrendsetter geltende Sänger seine Haare jesus-like wachsen ließ, war der Kompromiss dafür, keine Perücke tragen zu müssen. Ohne Schauspielausbildung vertraut er auf seine Bühnenerfahrung aus 2.500 Konzerten und die Führung durch den Regisseur. Ganz fremd ist dem Sänger die Theaterwelt aber nicht: Sein Großvater war Theaterbauer und arbeitete als technischer Direktor bei Bertolt Brecht und Helene Weigel.

 

Am Fernsehturm angekommen, witzeln wir über die Feierlichkeiten zur 800-Jahr-Feier unserer Stadt, die für manche Überraschung taugen, und Dirk erkundigt sich, wie man das neue Grüne Gewölbe besichtigen kann. Es ist zu spüren: Der Berliner mit sächsischen Wurzeln fühlt sich wohl in Dresden, verbrachte er doch einen bedeutenden Teil seiner Kindheit ganz in der Nähe, bei seiner Großmutter in Zittau.

Während wir den Oberwachwitzer Berg hinabsteigen, würdigt Dirk die besten Brötchen der Gegend, die er hier gegessen hat. Kaum bewegen wir uns wieder auf der Pillnitzer Landstraße, ist Dirk amüsiert über die Blicke entgegenkommender Passanten. Er fällt auf mit seinem Mantel, den ihm seine Münchner Freundin Sissi Perlinger ans Herz gelegt hat, und schmunzelt: „Das würde in Berlin niemanden interessieren.“ Trotzdem bescheinigt er den Dresdnern liebenswert Eigenes: „Sie haben eine Spur von altem Adel in sich, eine Art königlichen Standesdünkel in ihrem konservativen Stolz auf ihre Stadt.“

Wir kehren im Restaurant „Elbterrasse“ ein und Dirk bestellt heiße Himbeeren auf Vanilleeis zum Kaffee. Er weiß viele Geschichten über Aufstieg und Fall zu erzählen, von sich selbst, aber auch von Kollegen. „Zwischen Luxus und Gosse“ sei es zigmal bei ihm hin und her gegangen. Er kann ein schönes Hotelzimmer genießen, weil er weiß, wie es sich in Jugendherbergen oder auf Zeltplätzen übernachtet. Fast verschämt erinnert er sich, wie er vor Jahren einen eigenen Fahrer einstellte. Er findet: „Geld ist zum Ausgeben da“, und hält Erfolg für die schlimmste Droge, die es gibt. Ein unkomplizierter Mensch sei er nicht, das behauptet Dirk Zöllner mitunter sogar auf der Bühne. Gerade deshalb lobt er seinen langjährigen Kollegen und Freund André Gensicke, der spielt, wie es kein anderer könne, und er sein Herz berühre. Eine zwischenzeitliche Trennung der beiden lehrte ihn, bei anderen Menschen die Vorzüge zu achten und nicht nur die Makel zu sehen.

Unser Gespräch wird von einem Telefonat unterbrochen. „He Judas“, ruft er grinsend in sein Handy, „Ich bin auf der anderen Elbseite und gehe spazieren“ - Künstlerlatein, das der Komik nicht entbehrt und an die abendliche Probe erinnert.

 

Während wir auf die Fähre warten, wundert sich Dirk Zöllner, dass Leute in seine Konzerte kommen, weil sie seine Musik für Kunst halten, während sie für ihn keine Kunst, sondern etwas Autobiografisches ist: „Für mich sind der Beruf und die Liebe nicht verschiedene Dinge, das ist eins.“ Wenn er mit Liebesunglück ironisch umgeht, sich in die Rolle des Betrogenen begibt, genussvoll im Schmerz watet, ist das sein Stil, den manche wörtlich nehmen. „Weil ich glaube, dass ich ein glücklicher Mensch bin, schreibe ich traurige Lieder und insofern funktioniert manchmal die Mitleidsgeschichte. Frauen denken, ach der Arme, was ist denn da los, den müssen wir ja mal trösten, was natürlich nicht ganz der Wirklichkeit entspricht“, stellt er klar. Am Anfang seiner Karriere habe er sehr genossen, umworben zu werden. Irgendwann merkte der 44-Jährige aber, dass es mehr darum ging, an etwas teilzuhaben, als dass es mit ihm zu tun hatte, und „dann wird man wieder normal“. Heute bezeichnet er Groupies lieber als seine Musen und meint damit Frauen, die sich in der Musik-Szenerie einfach wohl fühlen. Es überrascht nicht, dass alle Frauen, mit denen er zusammenlebte, aus dem Umfeld der Musik kamen.

 

Zurück in Laubegast, bemerken wir mit den Augen eines Gastes Details, die wir nie vorher wahrnahmen. So ist das Neuberin-Denkmal vor dem Gasthaus „Zum Fährhaus“ mit einer eigenwilligen Lichterkette geschmückt. Jedes Haus offenbart seine eigene Schönheit, schaut man nur genau hin.

 

Als wir am Hotel „Prinz Eugen“ unseren Ausgangspunkt wieder erreicht haben, sind schwarze Regenwolken am Himmel aufgezogen und wir führen unser Gespräch im Hotel weiter. Ist Einsamkeit ein Thema für einen Mann wie ihn? Er weiß, wie es ist, sich in einer Beziehung einsam zu fühlen, doch tatsächlich hat er noch nie allein gelebt. „Ich bin von meinem Gefühl her kein Eremit, kein Single“, sagt er und hält Gemeinsamkeit für eine Illusion, im Grunde genommen sei jeder für sich allein. An das Konservieren von Glück glaubt er nicht, aber daran, dass sich zwei Menschen miteinander verändern, wenn sie es wollen. Er bewundert die psychische Kraft der Frau, die den Männern weit überlegen sei, weil Frauen „derartig um die Ecke denken und Dinge tun können, wo ein Mann nicht mal hindenkt“.

 

Unseren Spaziergang möchte Dirk Zöllner in der Laubegaster Kneipe „Zum Gerücht“ ausklingen lassen. Die Dresdner Musikerszene gefällt ihm: „Hier trifft man sich, um einfach zu spielen, in Berlin, um gesehen zu werden.“ Tatsächlich trudeln nach und nach Kollegen von der Operette ein und nachdem die abendliche Probe ausführlich ausgewertet wurde, zieht Entspannung ein und Dirk greift zur Gitarre. Ließ er sich bisher nie in eine musikalische Schublade einordnen, dürfte das nun noch schwerer fallen. Rock, Pop, Soul, Musical, Klassik hat man von ihm gehört, doch dass er auch bei noch nicht gesundheitsgefährdendem Bierkonsum Schlager und Gospel singen kann und das Liedspektrum von „Sittin’ on the dock“ bis „Marmor, Stein und Eisen bricht“ reicht, das weist ihn einmal mehr als Vollblutmusiker aus, der noch für manche Überraschung sorgen wird.

Als Jesus singt Dirk Zöllner: „Leb den Augenblick, denk nicht heute schon an morgen, das bringt garantiert kein Glück …“ Ein Motto, das auch im wahren Leben zu ihm passt.

 

(Autorin: Dagmar Möbius; DISY Sommer 2006)