Das Paradies auf Erden - In 148 Tagen um die Welt

Südsee (Foto: Anja K. Fließbach)

Reiseimpressionen

Disy-Chefredakteurin Anja K. Fließbach fuhr mit ihrer Tochter Louisa (4) in 148 Tagen einmal um die Erde. In den letzten Ausgaben berichtete sie über ihre Stationen in Marokko, auf den Kanaren, im Senegal, den Kakaoinseln, Namibia, Südafrika, Madagaskar, den Seychellen, Malediven, Sri Lanka, Sumatra, verschiedenen Stationen in Malaysia, Singapur, Java, Bali und in Australien.

 
Dieses Mal lesen Sie über Neuseeland, die Südsee, die Osterinseln und Chile am Ende der Welt.

„Nachts gehört das Schiff mir“

Das Kreuz des Südens leuchtet am sternenklaren Himmel, die Luft ist samtig weich, das leise und stetige Motorengeräusch der „MS Astor“ gibt ein Gefühl der Geborgenheit. Ich stehe auf dem Vorderdeck und schaue auf die vom Mond beleuchteten Weiten des Pazifischen Ozeans. Nachts, wenn alle Passagiere schlafen, gehört das Schiff mir. In mir ein Gefühl der Erhabenheit und Demut, Glück, Melancholie und Dankbarkeit für die Schönheit dieser Welt.

Neuseeland: Schafe, frische Luft und der „Herr der Ringe“

Im „Land der langen weißen Wolke“, wie die Maoris Neuseeland (2250 km vom letzten Hafen in Australien entfernt) nennen, fällt mir als erstes die reine Luft auf. In einem Land, wo es auf 267 700 qkm nur 4 Millionen Einwohner gibt, ein selbstverständlicher Luxus. Das erste Gespräch, das ich in dem verträumten Städtchen Picton mit Einheimischen führe, dreht sich um Peter Jacksons Verfilmung von J. R. Tolkiens Roman-Trilogie „Herr der Ringe“. Ein Film, der das Land stolz und berühmt machte. Ein Tischnachbar im Café hat als Statist mitgespielt, der andere bietet Touren zu den Drehorten an. Ein einträgliches Geschäft, strömen doch inzwischen tausende Ringe-Fans nach Neuseeland.

Schafe scheren mit Nicole Heesters

Vom nächsten Hafen in Wellington (seit 1865 Hauptstadt im Süden der Nordinsel) fahren wir ins Wairarapa-Tal. Wir suchen im Regenwald nach den legendären Kiwis, trinken auf einem Weingut in idyllischer Landschaft neuseeländischen Cabernet Sauvignon und besuchen dann die Familie von Andy. Er nimmt unsere kleine Gruppe, zu der auch Nicole Heesters gehört, die Tochter von Johannes Heesters, mit auf seine Farm. Neuseeländisches Landleben: Wir lernen mit der Hundepfeife die Schäferhunde anzuleiten, werden eingestaubt, als eine Schafherde an uns vorbei rast, helfen beim Markieren der zu scherenden Tiere und bewundern, wie geschickt und schnell Krelton, Andys Helfer, die Tiere von ihrer Wolle befreit. Anschließend lädt uns Andy in sein Farmerhaus ein. Wir sitzen bei der Familie im Garten, essen frischgebackenen Kuchen und genießen einen unglaublichen Frieden.

In Auckland mieten wir einen Jeep

In Auckland (größte Stadt Neuseelands) mieten wir einen Jeep und düsen vorbei an Vulkanen und herrlichen Stränden, fahren über Holperpisten durch den Regenwald, bewundern die Wunderwelt aus hohen Bergen, wilden Tälern und tiefblauen Seen. Am Abend genießen wir Auckland (eine Million Einwohner) mit der 1000 m langen Harbour Bridge, dem Sky Tower und der belebten Queen Street, auf der wir bis 23 Uhr ins quirlige Nachtleben eintauchen und zum Schlafen auf unsere „MS Astor“ gehen, unser „zentral gelegenes Hotel“ (Hafen direkt im Zentrum), das uns nun in die Südsee bringt.

Sterne über Fidschi

Die Luft wird noch milder, die Sterne strahlen heller. Die ersten Stationen: Fidschi (320 Inseln mit tropischer Flora, Vulkankegeln, Sandstränden und kristallklarem Wasser) und Tonga (unabhängiges Königreich, Archipel mit 110 000 Einwohnern und 170 Inseln, davon 36 bewohnt).

Doch es gibt noch eine Steigerung: Französisch-Polynesien. Von der Insel Raiatea aus fahren wir mit kleinen Booten zur Insel Tahaa.

Tränen der Rührung im Paradies

Das Wasser ist so klar, dass wir auch unabhängig von der Wassertiefe bis zum Grund sehen können und vom Boot aus Fische in allen Farben bewundern. Alle Klischees der Südsee werden erfüllt und übertroffen. Hier ist das Paradies. Als unser Boot zum Steg vor einem malerischen Sandstrand gleitet, erklingen die lieblichen Gesänge der schönen Mädchen, die uns mit Ketten aus Jasmin- und Hibiskusblüten erwarten. Diese Natur, die Musik, der intensive Geruch, die lächelnden Menschen - Tränen der Rührung bei mir und meinen Begleitern. Die Einheimischen zeigen uns, wie sie schwarze Perlen züchten und Vanille anbauen. Louisa ist außer sich vor Freude, als sie dann am Strand durch das glasklare Wasser läuft und mit dem Finger die bunten Fische an die Nase stupsen kann. Inselbewohner reichen uns frisches Obst.

Party mit der Crew

Überall wird gesungen. Auch bei der nächtlichen Party, die ich spontan mit einigen Passagieren und vielen Crewmitgliedern im Hafen von Raiatea organisiere. Schließlich sind wir hier bis 5 Uhr morgens. Zum Glück habe ich eine Kellnerin gefunden, die als Babysitter eingesprungen ist. Es wird eine heiße Party, Nachtbaden, Seeigelerfahrung (der Schiffsarzt musste den Stachel am nächsten Tag ziehen) und einer Rückfahrt auf der Rampe eines Trucks mit singenden Freunden inklusive. Nach dem Sonnenaufgang an Deck kurzer Schlaf, während die „MS Astor“ drei Stunden nach Bora Bora fährt.

In Bill Gates´ Helikopter über Bora Bora

 „Die Perle des Pazifik“ (39 qkm), wie Kapitän Cook sie nannte, sehe ich mir zuerst bei einem Helikopterflug an. Auf dem Platz neben dem Piloten, wo schon Bill Gates und Pierce Brosnan gesessen haben, staune ich schon wieder mit Tränen in den Augen über die Farben der Lagune vom tiefsten Violett bis zum hellsten Türkis, über die Rochen, die wir tatsächlich vom Himmel aus im Meer sehen können, über den die Insel dominierenden Vulkan und die ins Wasser gebauten Hotelbungalows.

Wir schwimmen mit Schildkröten und Haien

Später fahren wir in ein Lagunarium, wo Louisa Schnorcheln lernt und wir mit Schildkröten, friedlichen Haien und Rochen zusammen schwimmen. Schwimmen und Schnorcheln genießen wir auch am nächsten Tag auf Moorea. Ein „Südseetag“ in einem Luxusressorthotel – Genuss pur.

Nightlife auf Tahiti

Auf Tahiti, der größten der Gesellschaftsinseln, folgt wieder eine schlaflose Nacht. Sonnenuntergang und tanzende Tahitimädchen, Disco, Nachtclub, Spaziergang und Sonnenaufgang – die Zeit in diesem Paradies ist einfach zu kostbar zum Schlafen. Der Tag in Papeete, der Hauptstadt Französisch-Polynesiens, ist voller Eindrücke. Wir kaufen sträußeweise Blumen für uns, für Freunde und für die Besatzung. Wir wollen unbedingt ein Stück vom Paradies mitnehmen.

Am Ende der Welt

In Nebel gehüllte Berge mit Schnee auf den Gipfeln, steile Felswände, kreisende Raubvögel, ein windigfeuchtes Klima und  ein sumpfiger, modernder Geisterwald mit Bäumen so alt wie die Zeit – so sieht es aus, das Ende der Welt. Die südlichste Straße der Erde hört einfach auf, vor uns nur noch Sumpf und Berge mit Schnee. Dann der Pazifik. In unsichtbarer Ferne der Südpol. Die Welt ist gar nicht so groß. Eben waren wir noch bei tropischen Temperaturen in der Südsee, jetzt fährt die MS Astor an Gletschern vorbei und durch Eisschollen. Doch der Reihe nach.

Die Nachfahren der Bounty-Crew

Von Tahiti schippert uns die MS Astor 2170 km südöstlich zur Insel Pitcairn, ein 5 qkm großes, von Klippen und schäumenden Wogen umgebenes Island. Wegen der gefährlichen Unterströmungen und den hohen Wellen konnten wir nicht an Land gehen. Aber die 46 Bewohner der Insel (inkl. Kinder und Bürgermeister) kamen zu uns an Bord trotz stürmischer See. Kein Wunder, stammen sie doch von erfahrenen Seeleuten ab. Sie sind allesamt Nachfahren der Meuterer der legendären „MS Bounty“. Und so sitze ich mit Louisa im Captains Club an der Bar und lausche den Menschen, die erzählen von Fletcher Christian, der mit seinen Leuten 1790 hier an Land ging (die meisten Inselbewohner heißen Christian), erfahre, dass es immer weniger Pitcairnbewohner gibt (sie gehen mit 12 Jahren nach Neuseeland zur Schule, kaum einer kommt zurück) und dass weltweit rund 8000 Bountynachfahren leben.

Die Post kommt 3x im Jahr

Stolz berichtet Mary vom Leben auf der Insel: Lebensmittel werden Monate im Voraus bestellt und kommen mit dem Schiff von Neuseeland, die Post kommt 3x im Jahr, Einkommensteuer und Zoll sind nicht bekannt. Es sind herzliche Leute. Der Abschied fällt schwer.

Geheimnisvolle Osterinseln

Wir fahren mit dem Schiff 2000 km weiter zur nächsten bewohnten Insel in diesem abgelegenen Flecken der Erde, zur Osterinsel (wird vom 3765 km entfernten Chile verwaltet). Die Insel, die von einem Holländer zu Ostern entdeckt wurde, ist dreieckig. An jeder Ecke steht ein Vulkan. Diffuses Sonnenlicht, ein wenig Nebel und warmer Regen, der ohne Wolken auftaucht und wieder geht. Mal heult der Wind, dann spannende Stille. Ich bin mit meinen Freunden, die mich begleiten, einer Meinung: „Die Atmosphäre ist mystisch.“ Bis heute ist vieles aus der Geschichte der Osterinsel ein Geheimnis. Die Figuren („Das sind keine Steinfiguren, Oma. Das sind Moais“, verbessert meine vierjährige Tochter Louisa ihre Oma am Telefon.) sind bis 20 m hoch und bis zu 250 Tonnen schwer. Wir stehen davor und staunen.

Feuerland und die südlichste Stadt der Welt

Ein Teil heißt hier Decolacion „Trostlosigkeit.“ Die Stimmung an Bord wird durch Glühweinparties aufgemuntert. Am Morgen in Punta Arenas ist Windstärke 9, zu gefährlich, um mit Louisa an Land zu gehen. Im Beaglekanal (benannt nach dem britischen Forschungsschiff Beagle, auf dem auch Charles Darwin war) ist es ruhiger. Hier gehen wir in Ushuaia an Land, dem südlichsten Ort der Welt. Eine gemütliche Stadt, in der wir nach unserem Ausflug nach Feuerland den Abend bei einem gemütlichen Bummel durch Kneipen und Läden genießen.

Wir passieren Kap Hoorn

Kap Hoorn passieren wir bei Windstärke 6. Die Passagiere gratulieren sich. Wer will, bekommt eine Urkunde. Hoteldirektor Wolfgang Ribbitsch erzählt über die Lautsprecher Wissenswertes über die armen Segelbootsbesatzungen, die früher hier gegen die gewaltigen Naturkräfte kämpften und zu Tausenden in den tosenden Wellen ertranken. Hier, am Kap Hoorn, treffen sich Pazifik und Atlantik, und die kalten Strömungen der Antarktis tun ihr übriges.

Roddy lädt uns auf seine Privatinsel ein

Wir feiern bis zu unserem nächsten Ziel, den Falklandinseln (unterstehen der britischen Krone). Hier gehen wir außerplanmäßig mit unserem Kapitän Alexander Golubev und Hoteldirektor Wolfang Ribbitsch auf der Privatinsel West Point an Land. Roddy Narier, ein Freund des Kapitäns, wohnt hier mit seiner Frau und zwei weiteren Menschen. „Mein Großonkel hat die Insel 1870 gekauft. Ich wohne hier mein ganzes Leben“, erzählt mir der 74-Jährige bei Kuchen und Tee in seiner gemütlichen Küche. Dann führt er uns über die stürmische, karge Insel, zeigt uns Seevögel- und Pinguinkolonien. Im Sonnenuntergang nehmen wir Kurs auf Stanley, die Hauptstadt auf Ostfalkland.

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(Disy Herbst 2005)