Vom Regenwald in Richtung Eis! 

Unsere fünftägige Reise beginnt (und endet) in Puerto Montt, einem hübschen Ort mit deutschen Wurzeln, der mehrmals täglich von Santiago de Chile angeflogen wird. Nach dem Einschiffen führt die landschaftlich reizvolle Fahrt entlang von immergrünen Regenwäldern vorbei an unzähligen entlegenen Inselchen Richtung Süden. Der Besuch einer voll automatisierten Lachsaufzuchtstation ist der Höhepunkt des Tages. Neben Norwegen ist Chile übrigens der zweitgrößte Lachslieferant. Die Fische werden in Netzen in ruhigen Regionen der Fjorde im natürlichen Meerwasser aufgezogen. Die Aufzuchtstationen bestehen aus mehreren Becken und liegen wie künstliche Inseln in der Bucht. Mit dem Beiboot gelangen wir direkt auf die Station und bekommen so einen tieferen Einblick in die Details der Lachsaufzucht. 

 

Weiter geht es Richtung Süden – Ziel: der San Rafael-Gletscher 

Allmählich wird es auch etwas kühler an Deck unseres 70 m langen, nur 10 m breiten und 1988 neu erbauten Kreuzfahrtschiffes. Immer öfter zieht es uns in eine der beiden gut gefüllten, gemütlichen Bars an Bord. Draußen wechseln sich nach wie vor die unterschiedlichen Landschaftsformen ab. Die Berge werden schroffer, die Fjorde enger und allmählich steigt die Spannung: Wie gewaltig werden die Eismassen des San Rafael-Gletschers aussehen? Endlich – erste kleine kristallklare Eisbrocken krachen an die Schiffswandung und kündigen den nahen Gletscher an! Keinen hält es mehr in den Kabinen, alle Gäste tummeln sich an der Reling, eingepackt mit Handschuhen und warmen Mützen, mit Allwetterjacke und warmen Schuhen. Es wird – nein – es ist kalt! Der gewaltige, über 200 m breite Gletscherabbruch des San Rafael-Gletschers, der sich seit Jahrtausenden aus den Anden bis hier hinunter zum Meer zieht, liegt direkt vor uns. Nur wenige Meter trennen uns von den bis zu über 30 m hohen Abbruchkanten des Gletschers. Gewaltig! Unbeschreiblich! Plötzlich knackt es bedrohlich... Dann kracht es und plauzend klatscht ein gigantischer Eisturm ins Meer und spritzt das Salzwasser duzende Meter weit in die Höhe. Das ist furchteinflößend und sieht gefährlich aus. Auf einer beeindruckenden Ausflugsfahrt mit stählernen Beibooten gelangen wir noch näher an die Abbruchkanten des kalbenden Gletschers. Immer noch 400 sichere Meter, aber das reicht dann auch... 

 

Ringsherum alles Eis – ein Seeleopard sonnt sich in aller Ruhe 

Unterdessen sind einige Reisegäste in Anbetracht der beeindruckenden Nähe zum Gletscher schon ruhiger und respektvoller geworden. Erst ein Whiskey „on the rocks“ sorgt wieder für heitere Stimmung – natürlich mit frisch geerntetem jahrtausendealten Gletschereis. Unver- gesslich! Dazu erleben wir noch seltenen Besuch: Auf einer Eisscholle treibt in aller Ruhe ein sich sonnender Seeleopard vorbei. Nichts bringt ihn aus der Ruhe, was für eine fantastische Gelegenheit, dieses hier seltene Tier einmal ausgiebig beobachten zu können. Sicher hat er den Vormittag mit viel Energie auf der Jagd nach Fischen unter Wasser zugebracht und genießt jetzt die Sonne und trocknet genüsslich sein Fell. Im Hintergrund knackt es schon wieder, alle Blicke richten sich hektisch auf die Gletscherkante, doch dieses Mal ist es nur ein kleiner Brocken, der unspektakulär ins Wasser plumpst. Es wird Zeit für uns, wieder in Richtung Norden abzudrehen. Der Rückweg durch die Kanäle und Fjorde hat sicher noch einige Überraschungen für uns parat. 

 

Heiße Quellen, schneebedeckte Berge und leckeres Asado 

Auf unserem einsamen Weg zurück nach Norden erreichen wir den Fjord Quitralco und an- kern hier. Der Blick schweift in schneebedeckte Berge, die sich am Horizont auftürmen. In unmittelbarer Nähe ergießen sich die dampfenden Fluten der natürlichen Thermalquellen. 

In einem üppigen Schwimmbecken genießen wir die warmen Fluten am eigenen Leib. So wird der Blick in die Bergwelt zum doppelten Genuss. Die Nase kann schon den schmackhaften Duft gegrillten Fleisches erahnen. Auf dem Grill wird das traditionelle Asado zubereitet, am offenen Feuer gegrilltes Rindfleisch – ein typisches Gericht hier in Patagonien. Zum deftigen BBQ gibt es selbstverständlich die edelsten chilenischen Weine. So endet der Tag auf eine sehr genüssliche Art und Weise. Mit einbrechender Dunkelheit sind wir wieder an Bord und fahren weiter Richtung Norden. 

 

Chiloé – Die Seele Chiles 

Am letzten Reisetag tauchen wir wieder in die Zivilisation ein. Doch eher auf beschauliche Art. Das kleine Fischerdorf Castro erwartet uns! Ein intakter Hafen, eine kleine Stadt mit Holzkirchen und traditionellen Stelzenbauten, kleine Boutiquehotels, staubige Nebenstraßen, beeindruckende Architektur und Kultur in einem der wohl entlegensten Winkel Chiles. Hier, so sagen es die Chilenen selbst, würde die Seele des Landes liegen, hier auf der entlegenen und ruhigen Insel Chiloé! Ein wenig spürt man es auch, dass hier irgendwie ein Ursprung der chilenischen Natur zum Greifen nahe liegt. Der Spaziergang durch das verschlafene Städtchen bleibt in Erinnerung. Am Nachmittag geht es zum letzten Mal an Bord. Ein opulentes Abschiedsdinner mit dem Kapitän und frischen Austern erwartet die Reisegäste. Und wie das schmeckt! Frischer Fisch aus dem Meer, direkt vom Fischmarkt aus Castro, chilenischer Wein und ruhige See – hinter uns liegen fünf luxuriöse Kreuzfahrttage in Patagonien. Das Schiff hinterlässt mit seinen meist ca. einhundert Passagieren einen kleinen und eher familiären Eindruck. Die sogenannte CHONOS-Route ist noch ein echter Geheimtipp für Natur- und Kreuzfahrtliebhaber. 

Ob immergrüner Regenwald, ob gigantische Eiskalbungen des Inlandeisgletschers, ob idyllische Städtchen oder seltene Tierbeobachtungen, diese Route hat eine wirklich beeindruckende Mischung an Erlebnissen. Die Skorpios II ist zudem ein gediegenes Zuhause mit chilenischem Flair, auf der man sich sofort pudelwohl fühlt. 

 

 

 

Autor: Jörg Ehrlich
Jörg Ehrlich ist DIAMIR-Geschäftsführer und begeisterter Naturfotograf mit besonderer Leidenschaft für Tierbeobachtungen sowie Autor und Initiator zahlreicher Vorträge, Filme und Reisereportagen. (www.joerg-ehrlich.de)