Dresdens drittes Wahrzeichen - das Blaue Wunder

Blick von einem der Turmhäuschen auf die Loschwitzer Seite (Foto: Klaus W. Sitzmann)

Im Dauerstreit um die geplante Waldschlößchenbrücke hat es immer wieder als Argument herhalten müssen: das Blaue Wunder. Viele bezeichnen es mittlerweile – neben Zwinger und Frauenkirche – als drittes Wahrzeichen der Stadt. Weil die 1893 erbaute Brücke höchstens noch bis zum Jahr 2030 im jetzigen Zustand nutzbar ist, muss bald eine Lösung für eine zuverlässige Elbquerung im Dresdner Osten gefunden werden. Disy-Redakteur Hans-Holger Malcomeß dokumentiert den Stand zur Rettung des Blauen Wunders.

„Eine Ertüchtigung ist wirtschaftlich nicht sinnvoll, technisch nicht möglich und ohne denkmalschutzwidrige Veränderung des Aussehens nicht machbar“, so OB Ingolf Roßberg am 17. Januar 2005. Im Klartext heißt das, die Brücke kann noch ungefähr zwei Jahrzehnte mit Einschränkungen genutzt und muss danach für den Verkehr geschlossen  bzw. aus Sicherheitsgründen verschrottet werden – ein bedrohliches Szenario.

Doch gibt es verschiedene Vorschläge, wie eine solche Entwicklung abgewendet werden könnte. Einer davon stammt von dem Prüfingenieur für Bautechnik Dr. Eberhard Katzschner, der im Jahr 1998 zusammen mit dem Ingenieurbüro GMG Dresden ein statisches Gutachten zur Belastbarkeit des Blauen Wunders erstellt hatte. Seine Vision zur Rettung des Blauen Wunders: eine Brücke-in-Brücke-Konstruktion.

Diese Konstruktion ist eine sogenannte Schrägseilbrücke, welche zwischen den alten Haupttragwänden eigenständig den Verkehr auf zwei Fahrspuren übernimmt und gleichzeitig die Fachwerke der alten Brücke stabilisiert. Während so die neue Brücke allein für die Lastaufnahme von Fahrbahn und rollendem Verkehr sorgen würde, bliebe für die alte Brücke nur noch das Tragen der Fußwege als Aufgabe. Nach Schätzung von Dr. Eberhard Katzschner würde eine solche Lösung ca. 50 - 70 Millionen Euro kosten.

Märchenhaft blau – das Blaue Wunder bei Nacht. Der Abstand zwischen den beiden Pfeilern beträgt 146 Meter. Durch die Stahlkonstruktion bringt es die Brücke auf ein Gesamtgewicht von mehr als 3.500 Tonnen. (Foto: Klaus W. Sitzmann)

 

Disy befragte daraufhin Reinhard Koettnitz, den Chef des Dresdner Straßen- und Tiefbauamtes: „Vorschläge zum Erhalt des Blauen Wunders gibt es mittlerweile eine ganze Menge“, meinte Koettnitz dazu. „Wir als Stadt planen, ungefähr im Jahr 2010 einen großen Workshop durchzuführen, bei dem alle Lösungsvorschläge intensiv geprüft werden. Vorher“, so Koettnitz weiter, „muss allerdings aktuell erfasst werden, wie sich die tatsächlichen Verkehrsströme zwischen Loschwitz und Blasewitz entwickelt haben. Wir streben eine sinnvolle Gesamtlösung für diesen Bereich des Dresdner Ostens an. Dr. Katzschners Vorschlag ist auf jeden Fall interessant, die Frage möglichst niedriger Kosten für einen Umbau wird natürlich eine wesentliche Rolle spielen.“

Wenn man die Geschichte des Blauen Wunders betrachtet, haben die Kosten auch schon beim Bau der Brücke eine große Rolle gespielt. Damit überhaupt mit dem Bau begonnen werden konnte, übernahm das Königreich Sachsen zwei Drittel der Kosten, die sich auf insgesamt mehr als 2,2 Millionen Mark beliefen. Den Rest hatten die umliegenden Gemeinden zu tragen, also vor allem Loschwitz und Blasewitz.
Vom ersten Tag an - dem 15. Juli 1893 - wurde ein Brückenzoll erhoben: Erst drei, dann zwei Pfennige Fußgänger, Straßenbahnfahrgäste sowie Rad- und Kraftfahrer, zehn Pfennige Zugtiere, 20 Pfennige Kraftfahrzeuge.

Der Erfolg überzeugte selbst die größten Skeptiker: Innerhalb weniger Jahre wurden solche Gewinne erwirtschaftet, dass damit sogar Zufahrtsstraßen zum Blauen Wunder ausgebaut werden konnten. Nur die wenigsten wissen heute noch, dass beispielsweise die gewaltige Stützmauer an der Schillerstraße um 1900 aus überschüssigen Mitteln des Brückenzolls finanziert worden ist. Sie wurde deshalb noch lange danach im Volksmund „Zwee-Pfeng-Mauer“ genannt. Erst mit der Zwangseingemeindung von Loschwitz und Blasewitz nach Dresden im Jahr 1921 – beide Orte leisteten damals jahrelangen Widerstand dagegen – wurde der Brückenzoll abgeschafft und das Blaue Wunder zu einer echten Dresdner Brücke.                    

Autor: Hans-Holger Malcomeß (Disy Frühjahr 2007)

 

Aus der Vogelperspektive fällt die grazile Eleganz des Blauen Wunders ins Auge. Majestätisch spannt sich die Brücke auf 280 Meter über die Elbe (Foto: Klaus W. Sitzmann).

Der Brückenschlag übers Blaue Wunder

Die Idee zu einem Brückenschlag über das Blaue Wunder stammt ursprünglich von dem in Fulda geborenen Fotografen Klaus Willem Sitzmann. Als er nach der Flut am 20. August 2002 sein erstes Foto an der Brücke schoss, konnte er noch nicht ahnen, dass aus wenigen Stunden Dresden-Aufenthalt mehrere Jahre werden würden. Ihn beeindruckte damals besonders, mit welchem Engagement und welcher Solidarität die Menschen sich gegenseitig halfen, mit den Flutfolgen fertig zu werden. So initiierte er ein Jahr darauf am 6. und 7. September 2003 den ersten Brückenschlag als „großes Dank- und Freudenfest“, wie er es der Disy gegenüber bezeichnete. Auf beiden Seiten der Elbe beteiligten sich viele Loschwitzer und Blasewitzer an dieser Aktion – allen voran die von der Flut betroffenen Betreiber der Villa Marie, des Café Toscana, des Körner- sowie des Elbegarten und des Weincafé Clara. Klaus W. Sitzmann selbst organisierte an dem Wochenende eine große Fotoausstellung mit mehr als 600 Bildern vom Blauen Wunder und seiner Umgebung, die er auf großen Holztafeln entlang der Brücke im Freien aneinanderreihte.

Diese Idee wurde dann von verschiedenen Geschäftsleuten und Ladeninhabern auf beiden Seiten der Elbe aufgegriffen und weiterentwickelt. Aus deren Zusammenarbeit entwickelte sich schließlich ein Verein, der heute als „Brückenschlag Blaues Wunder e.V.“ das Geschäftsstraßenmanagement rund um das Blaue Wunder betreut. Vorsitzender des Vereins ist Rechtsanwalt Stefan Kreuzer (Dr. Kreuzer & Coll. Anwaltskanzlei). Als wir Stefan Kreuzer danach befragten, wie sich das Umfeld des Blauen Wunders mehr als vier Jahre nach der großen Flut entwickelt hätte, schätzte er die Situation als sehr positiv ein: „Sowohl Schiller- als auch Körnerplatz haben ihre Stellung als herausgehobene Stadtteilzentren behaupten und nach einer Marktorientierung den Großteil der Ladengeschäfte vermieten können. Am Schillerplatz herrscht mittlerweile sogar Vollvermietung – wenn man von den Hausnummern 4 und 5 absieht, wo derzeit noch ungeklärte Eigentumsverhältnisse eine sinnvolle Nutzung blockieren.“ Weiterhin zeigte sich Rechtsanwalt Kreuzer sehr erfreut „über den echten Branchenmix, der die Attraktivität weiter erhöht hat. Auch hat sich der Brückenschlag als Fest am Blauen Wunder, das jedes Jahr immer Anfang September stattfindet, etablieren können“.

Mehr Infos:
Brückenschlag Blaues Wunder e.V. – Das Geschäftsstraßenmanagement rund um den Schillerplatz, Hüblerplatz 1, 01309 Dresden, Tel. 0351-315500
RA Stefan Kreuzer: www.kreuzer.de
Klaus W. Sitzmann: www.dresdens-herz.de

Rechtsanwalt Stefan Kreuzer auf dem Balkon seiner Kanzlei (Foto: Philipp Döhler)
Der Fotograf Klaus Willem Sitzmann (Foto: Christine Pohl)

   

Buch- und Linktipps zum Blauen Wunder

Annette Dubbers: Loschwitz. Aus der Geschichte eines Dresdner Stadtteils. Hg. zusammen mit dem Ortsverein Loschwitz-Wachwitz e.V. und dem Umweltzentrum Dresden e.V. (Dresden: Michel Sandstein Verlag 2003).

Michael Wüstefeld: Blaues Wunder - Dresdens wunderlichste Brücke (Berlin: be.bra-Verlag 2002).

Annette Dubbers: Blasewitz. Aus der Geschichte eines Dresdner Stadtteils. Hg. zusammen mit der Bürgerinitiative Blasewitz e.V. und dem Umweltzentrum Dresden e.V. (Dresden: Michel Sandstein Verlag 2002).

Volker Helas: Das Blaue Wunder. Mit Fotografien von Franz Zadnicek und einem Beitrag von Matthias Griebel. (Halle/Saale: fliegenkopf-verlag 1995).

Andreas R. Lux, Josef Fuchs, Dieter Prskawetz: Festschrift 100 Jahre Blaues Wunder. Festtage vom 26. Juni bis 15. Juli 1993 (Dresden: Landeshauptstadt Dresden, Amt für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit 1993).


www.blaues-wunder.de

www.dresden-blaues-wunder.de

www.blasewitz1.de

www.dresden-blasewitz.de

www.dresden-loschwitz.de

www.ortsverein-loschwitz-wachwitz.de

 

Mehr zur Geschichte und über den Bau des Blauen Wunders gibt’s im zweiten Teil in der nächsten Disy.


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