Julia Schoch - Als Stadtschreiberin 2006 in Dresden

Julia Schoch auf der Terrasse von Schloß Albrechtsberg (Foto: Reiko Nötzold)

Sie ist jung, sie ist erfolgreich – und seit April dieses Jahres in Dresden. Julia Schoch, Schriftstellerin aus Potsdam, ist die amtierende Stadtschreiberin. Nach der Hälfte ihres Aufenthaltes hat Disy-Redakteur Hans-Holger Malcomeß die Gelegenheit genutzt, ihr auf einem Sommerspaziergang durch den Park von Schloss Albrechtsberg einige Fragen zu stellen.

Wolltest Du ganz bewusst nach Dresden?
Ja, diese Stadt fand ich am verlockendsten. Deshalb hatte ich mich nur hier beworben. Dresden verfügt über die entsprechende Größe und eine sehr positive Ausstrahlung. Auch kannte ich die Stadt bisher kaum. Ich komme aus Potsdam. Da bin ich historische Erinnerungen, die sich durch eine Stadt ziehen, gewöhnt. Vor allem reizen mich die alte Parkarchitektur und historische Grünflächen. Das findet man nicht überall in Deutschland. Außerdem: Wenn ich schon eine längere Zeit nicht zu Hause sein darf und die Wahl habe, dann bevorzuge ich Großstädte. In der Anonymität einer Stadt kann man sich einfacher zurückziehen als anderswo. Am besten ist dabei eine fremde Großstadt, denn Fremde ist Freiheit. Ich möchte nicht ein halbes Jahr auf dem Land leben.

Wäre die „Ruhe auf dem Land“ nicht ein Argument für Dich gewesen?
Nein, ich brauche nur die Ruhe in der Schreibstube. Das Land zwingt einen zum Rückzug, die Stadt lässt einem die Wahl. Es ist ein Klischee, dass man immer erst weit weg müsste von der alltäglichen Welt, um künstlerisch arbeiten zu können. Die Schriftstellerei ist ja ohnehin schon ein recht a-sozialer Beruf. Warum sollte man das mit einem abgeschiedenen Schreibort noch verstärken?

Haben sich Deine hohen Erwartungen an Dresden bestätigt?
Ja, voll und ganz. Ich bin erstaunt, wie viel diese Stadt bietet, auch das ehemals Mondäne überrascht. Vor allem finde ich es sehr angenehm, wenn eine Stadt eine Kunsthochschule hat. Man spürt das überall, es strahlt auf verschiedenen Ebenen aus. Permanent finden hier Ausstellungen junger und alter Künstler statt. Selbst wenn nicht alles Weltklasse ist, öffnet so ein Galeriebesuch einem trotzdem oft das Kunst-Auge. Malerei ist sehr wichtig für mich. Als Kind wollte ich Malerin werden. Ich habe vor meinem Amtsantritt als Stadtschreiberin schon einige Maler von hier zufällig kennen gelernt – Jan Brokof und Andreas Hildebrandt beispielsweise – und dadurch Einblicke in verschiedene Ateliers bekommen.

Was ist für Dich das Typische an dieser Stadt?
Als etwas ganz Besonderes empfinde ich die Luftigkeit. Dresden ist eine äußerst luftige Stadt, überhaupt nicht verwinkelt. Eine Ursache dafür ist natürlich der Krieg, dessen Folgen man immer noch wahrnimmt. Auch wenn die Lücken nicht mehr so präsent sind, sieht man die Kriegsfolgen im neu Aufgebauten. Dieses Luftige hat aber genauso mit den natürlichen Gegebenheiten zu tun – vor allem damit, wie diese Stadt im Tal liegt, großzügig ausgebreitet. Da steht man dann mit einem goetheschen Blick auf den Elbhängen und sieht auf die Welt herab. Dazu kommt das Wasser: Eine Stadt, durch die ein Fluss verläuft, ist durchlässiger. Sie vermittelt ein anderes Gefühl von Freiheit als eine Hafenstadt. Solch ein Fluss hat immer auch etwas Majestätisches.
Als typisch empfinde ich außerdem die kulturelle Lebendigkeit, welche hier von vielen Menschen mitgetragen wird. Man spürt schnell, dass dieses Engagement eine lange Tradition besitzt, und dass es neben den Kulturschaffenden schon immer viele Kulturschauer und -hörer gegeben hat.

Kann es sein, dass Deine Texte manchmal einen melancholischen Unterton enthalten?
Melancholie ist der Verlust von etwas, das man nicht genau beschreiben kann – im Gegensatz zur Trauer, die der Verlust von etwas Konkretem ist. Aus meiner Sicht steckt in fast jedem Schreibimpuls Melancholie. Ich glaube, jeder Künstler, ob Schreiber oder Maler, nimmt das unwiederbringliche Verstreichen der Zeit als Katastrophe wahr. Dagegen setzt man als Ausgleich das Glück des Schreibens. Der Text ist dann die Ewigkeit, welche die Zeit symbolisch festhält.

Wer keinen Verlust spürt und das Leben in vollen Zügen genießt, hat also keinen Anlass zu schreiben?
Natürlich wäre es eine ideale Situation, wenn man aus einem ganz starken Leben, aus einer ganz starken Situation heraus schreiben könnte. Doch das funktioniert fast nie. Denn wenn das Leben überhand nimmt, versiegt das Schreiben oder die Kunst meist zwangsläufig. Man ist dann mental anders eingestellt und befindet sich in einer gleichsam un-ewigen Zeit. Diese ist der Feind der Kunst.
Aber bei aller Melancholie: Die Aufgeregtheit, das Gespanntsein aufs Schreiben und auf den eigenen Text muss letztlich doch immer viel größer sein als das oft nur
kleinliche Gefühl eines privaten Verlustes.

Interview: Hans-Holger Malcomeß ("Disy" Herbst 2006)


Lesen Sie hierzu auch:

Das Amt des Stadtschreibers - was steckt dahinter?

"Dresden liest Schoch" - Liste der Orte und Buchpaten

Übersicht der bisherigen Stadtschreiber 1996 - 2006

 

Daten und Fakten zu Leben und Werk

Kurzvita:
- geboren am 17. Mai 1974 in Bad Saarow, aufgewachsen in Mecklenburg
- Studium der Germanistik und Romanistik in Potsdam, Paris und Bukarest
- lebt derzeit als freie Autorin und Übersetzerin in Potsdam

Veröffentlichungen:
- „Verabredungen mit Mattok“ (Novelle). München: Piper-Verlag 2004.
- „Der Körper des Salamanders“ (Erzählungen). München: Piper-Verlag 2001.
Desweiteren viele Beiträge in Anthologien, Zeitschriften und im Rundfunk sowie mehrere Übersetzungen, z.B. den rumänischen Teil des „Schwarzbuch des   Kommunismus“ (1999).

Auszeichnungen:
-    Preis der Jury beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt (2005)
-    Stefan-George-Preis für Übersetzer französischer Literatur (2004)
-    Hermann-Lenz-Stipendium (2003)
-    Droste-Förderpreis der Stadt Meersburg (2003)
-    Friedrich-Hölderlin-Förderpreis der Stadt Bad Homburg (2002)
-    Förderpreis des Landes Brandenburg für Literatur (2001)

Stipendien (Auswahl):
-    Dresdner Stadtschreiberin (2006)
-    Stipendium für Französisch-Übersetzer in Paris und Arles (2005)
-    Grenzgänger-Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung (2005)
-    Aufenthaltsstipendium für das Künstlerhaus Lukas in Ahrenshoop (2003)
-    Aufenthaltsstipendium für das Ledig-Rowohlt-Haus in New York (2002)
-    Stipendium der Stiftung Niedersachsen und der Bundesakademie für kulturelle
     Bildung Wolfenbüttel (2002)
-    Aufenthaltsstipendium im Schloß Wiepersdorf (2001)

 

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