98. Beitrag: "Tolle Chefs" (19. April 2007)

Es ist unglaublich, wie sich Dinge mit einem gewissen Abstand relativieren. Habe ich früher keine Zeile ungelesen in die Druckerei gehen lassen, kenne ich von den aktuellen Ausgaben meiner Zeitschriften Disy nur den Plan, den ich vor meine Abreise geschrieben habe, die Titelblätter, die ich absegne und meine Editorials. Das andere habe ich in die Hände meiner Leute gelegt. Ich vertraue ihnen...
Obwohl ich es mit dem Vertrauen eigentlich nicht so habe. Zu oft auf die Nase gefallen, falschen Leuten geglaubt, den falschen Menschen einen Heiligenschein aufgesetzt. Ich bin immer viel zu spontan mit der Äußerung meiner Empfindungen. Mag ich einen nicht, dann merkt der das. Finde ich einen toll, dann sage ich ihm das auch. Das ist nicht unbedingt die bequemste Art durchs Leben zu gehen. Aber es ist meine.
"Du bist viel zu schnell von einigen Menschen begeistert", warnt mich meine Mutti schon lange. Und es stimmt. Manchmal habe ich einen neuen Mitarbeiter und ich bin Feuer und Flamme. Der wird es schaffen. Den bringe ich groß raus. Der wird mein Stellvertreter.
Viel zu oft habe ich viel zu hohe Erwartungen von den Leuten um mich herum. "Wenn ich das kann, muss der das doch auch können", denke ich oft und bedenke zu wenig, dass jeder Mensch andere Vorzüge hat. Würden sie alle wie selbstständige Unternehmer denken, wären sie es. Wären sie die Topverkäufer der Welt, würden sie nicht für mich arbeiten. Und es sind alles Menschen mit Stärken und Schwächen, das habe ich auch auf dem Schiff gelernt.
Nun bin ich fast viereinhalb Monate auf Weltreise und habe nur einen groben Überblick, was zu Hause läuft. Ich freue mich riesig auf die erste Redaktionskonferenz, aber ein wenig graut mir auch davor. Was wird da alles auf mich einprasseln? Sind alle Kunden zufrieden? Haben wir alle Termine geschafft? Sind alle Leute noch gut gelaunt bei der Arbeit?
Meine größte Sorge liegt nicht bei den Kunden oder erschienenen Ausgaben. Es ist die Frage, ob ich den richtigen Menschen vertraut habe. Sind alle so mit der Verantwortung umgegangen, wie es ihre Aufgabe war, wie ich es von ihnen erwartet, erhofft habe? Oder muss ich mit Enttäuschungen rechnen?
"Ein Unternehmen ist nur so gut wie seine Mitarbeiter", heißt es doch immer als Platitüde. Abgewandelt heißt es auch: "Ein Chef ist nur so gut, wie seine Leute." Ei, ei, ei. Es ist schwer, für die Fehler seiner Mitarbeiter einzustehen.
Umso beeindruckter bin ich von den Chefs an Bord. Schon immer habe ich vor allem aus Beobachtungen gelernt. Wie gehen andere Leute in vergleichbaren Positionen mit ähnlichen Situationen um? Ich bin selten so nah dran am Geschehen wie auf dem Schiff und muss meinen Hut ziehen. Vom Kreuzfahrtleiter bis zum Hoteldirektor stehen alle hinter ihren Mitarbeitern. Eine Crew, ein Staff, ein Team, ein Mann. Gerade auf See ist die Gemeinschaft und ein gewisser Zusammenhalt wichtig. Schnell könnte wegen der permanenten Nähe, dem Arbeitspensum und der besonderen Situation an Bord aus kleinen Nicklichkeiten ein größerer Streit werden, der die Gemeinschaft in Lager spaltet und dabei wie bei Big Brother transparent ist und ein Schauspiel für Beteiligte und Unbeteiligte. Da ist es gut, als Chef die Dinge im Griff zu haben und seinen Mitarbeitern zu vertrauen.
Das sollte ich mir fest einprägen und, liebe Disy - Leute, ich halte es fest. Ich beobachte hier genau, was vor, hinter und neben den Kulissen passiert und muss ehrlich sagen, hier sind Profis am Werk. Profis mit Visionen, mit Mut und Fleiß und  Vertrauen in andere. Und trotzdem - manchmal gribbelt es mir in den Fingern. Manchmal trete ich aus meinem Kreuzfahrt - Weltreise - Alltag heraus und würde gern Dinge anpacken, hätte gern Mitarbeiterverantwortung, würde gern die Kellneruniform anziehen und schnell helfen, die Tische abzuräumen, würde gern bei den Übersetzungen im Bus helfen, Partys organisieren, Gäste animieren oder zumindest das Schild bei den Ausflügen tragen. Zuschauen allein befriedigt auf Dauer nicht. Es wird Zeit, dass ich zu Hause wieder loslegen kann. Es wird Zeit, wieder etwas zu tun.
In den Disy - Büros werden meine Leute bei diesen Zeilen die Köpfe einziehen. Da kommt die Chefin wieder mit 1000 neuen Ideen, mit vielen Projekten, neuen Zeitschriften - Konzepten, neuen Plänen. Die kennen das schon und bisher hat es immer gut funktioniert. Aber dieses Mal wird es anders. Zum einen habe ich gesehen, wie selbstverantwortlich die Disy - Mitarbeiter arbeiten können und ich habe beobachtet, wie wichtig es ist, ein bestehendes Produkt zu etablieren, die Chancen, die darin stecken, zu erkennen, sie effektiv und optimal zu nutzen, das Produkt auszubauen und zu festigen. So wie unsere "MS Amadea". Dieses Schiff hat als "4 Sterne plus" ein unglaubliches Potential auf dem Kreuzfahrtmarkt. Da kann man richtig etwas daraus machen. Phoenix ist auf einem guten Weg und ich bin es auch. Bei solchen Lehrern...
Manuelas Spruch des Tages: "Sonnenschein ohne Regen macht eine Wüste" (aus Arabien)
Manuela, danke dir für die Ausdrucke mit geballter Lebensweisheit. Vielleicht hilft es.

Musiktipp zur Stimmung: Peter Cornelius, "Alles oder nichts"
Anja Fließbach: Donnerstag, 19 April 2007, 23:56 Uhr