87. Beitrag: "Warum machen Sie diese Weltreise?" (7. April)

Es ist eine jener warmen Nächte, wo die Luft so sanft ist, dass sie einen einhüllt, liebevoll tröstet und beruhigt. Heute werden die Uhren eine und eine halbe Stunde zurück gestellt, die Nacht ist also 90 Minuten länger und die Crew nutzt das für eine Crewparty. Die Passagiere sind müde von den Ausflügen und schlafen. Mir ist nicht nach feiern, auch nicht nach schlafen. Ich muss über eine Frage nachdenken, die mir heute ein "neuer" Passagier gestellt hat und dem ich morgen antworten will: "Warum machen Sie diese Weltreise?"...

Wieder einmal sitze ich auf unserem Balkon, das Laptop vor mir und das Rauschen des Meeres erfüllt die Nacht und es erfüllt mich.

Es gibt sicher im Leben eines Menschen nicht viele Orte, wo er sich am richtigen Platz fühlt. Es ist immer dieses: "Ach, wäre ich doch..." oder "Ach, hätte ich doch..." Bei mir ist das nicht anders. Außer hier. Hier auf dem Schiff fühle ich mich wohl. Ich vermisse nicht wirklich etwas. Klar habe ich Sehnsucht nach meinen Freunden, die ausgestiegen sind und nach meinen Eltern. Aber wären meine Freunde noch hier (meine Familie würde ich besuchen) und würde man mir anbieten, ein ganzes Jahr jetzt so auf dem Schiff weiter zu fahren, ich würde es sofort machen. Alles was ich wirklich brauche ist meine Tochter. Die habe ich  hier auf dem Schiff dabei und mehr brauche ich nicht. Ich vermisse nichts!

Natürlich ist das Leben auf dem Schiff eine Illusion, eine Art gelebter Traum ohne Alltagssorgen. Die Behördengänge übernimmt Rebecca, unser Chief Purser. Lebensmittel kauft Frank, der Provision Master ein und 52 Köche sorgen für unser Essen. Wir wählen wonach uns der Sinn steht, bekommen das Obst frisch aufgeschnitten serviert, die Cola gekühlt und auf Wunsch vegetarisches Essen oder Diätspeisen. Die Zimmerstewardess räumt morgens und abends die Kabine auf, schafft den Müll weg und bringt frische Handtücher. Wäsche, die ich bügeln müsste, gebe ich grundsätzlich in die Schiffswäscherei und bekomme sie binnen weniger Stunden frisch, glatt und sauber auf dem Bügel an den Schrank gehangen. Mein Kind kann von der Kabine aus selbstständig zum Kidstreffen gehen ohne dass ich sie irgendwohin fahren muss. Vor dem Abendessen zum Friseur zu gehen kostet mich einen Weg von zehn Metern auf der gleichen Etage und das Fitnessstudio mit Sauna ist gleich nebenan. Freunde treffe ich ohne dass ich mich mit ihnen verabreden muss. In irgendeiner Bar sitzen sie schon und freuen sich, wenn ich mich dazu setze. Es stellt sich auch nicht die Frage, wer fahren muss. Wir können alle nach Hause laufen. Ich kann jeden Abend in eine Show gehen ohne Tickets kaufen zu müssen oder extra Eintritt zu zahlen. Und wenn ich Lust auf das Rauschen des Meeres habe, muss ich nur wählen zwischen Deck 7, 8, 9, 10 oder 11 oder mich für den Balkon entscheiden. Ansonsten können wir immer mit offenem Fenster schlafen, ohne das wir Angst vor Insekten haben müssten (wo sollen die auf dem Meer auch herkommen) und am Morgen vom Bett aus sehen wir entweder eine Insel, eine Stadt oder - im besten Fall - wieder das Meer.

In Verbindung mit der Frage des Passagiers, beschäftigt mich auch die Frage, wie soll das nach der Weltreise weiter gehen? Wie finden wir wieder in ein normales Leben?

Nach der ersten Weltreise war das für mich ein Riesenproblem. Für mein Kind nicht! Louisa ist schon am ersten Tag nach unserer Rückkehr freudig in den Kindergarten gerannt und war glücklich im Augenblick. Ich nicht! Es hat für mich sehr lange gedauert, wieder eine gewisse Ruhe und Zufriedenheit zu finden. Wie lange? Genau bis ich wieder meine beiden Füße auf dem Schiff hier hatte. Dann hatte ich meinen Frieden wieder. Besonders gekämpft habe ich in den zwei Jahren zwischen den Reisen mit dem Bedürfnis, mich zu Hause jemandem mitteilen zu wollen. Zu erklären, warum ich melancholisch war, woher die Unruhe kam, das "Sichnichtfestlegenwollen-" oder "können", die Sehnsucht. Ich bin fast verzweifelt auf der Suche nach Verständnis. Aber woher sollten die anderen auch nur annähernd dieses Gefühl verstehen können, wenn sie vielleicht noch nie auf solch einem Schiff waren. Wenn sie erstrecht noch keine solche Reise hinter sich haben. Selbst wenn sie sich bemühten, mich zu verstehen, könnten sie es nicht annähernd "greifen".

Erst auf dem Schiff hier konnte ich mich wieder beruhigen. In den Gesprächen mit den Menschen, die hier arbeiten, den Passagiere, die auch die Weltreise gebucht haben, selbst mit "normalen" Passagieren, die nur einen Abschnitt mitfahren, war das gegenseitige Verständnis plötzlich da. Es gab ja noch mehr Menschen mit diesen eigenartigen Vorstellungen vom Leben, mit ähnlichen Träumen, Idealen, Zielen, Ängsten und Problemen.

"Warum machen sie so eine Weltreise?", wollte der Passagier, ein Anwalt, nun wissen und er beantwortete sich das selbst: "Wegen den Ländern natürlich, klar." Ich schaute ihn an und schüttelte den Kopf. Es waren nicht die Länder für mich. Die meisten auf dieser Weltreise kannte ich schon. Die Route war zweitrangig. Meine Freunde waren es auch nicht, denn die kannte ich ja vorher nicht, aber andererseits waren sie es schon. Ich antwortete: "Weil es ein Platz ist, wo ich Menschen finde, die einerseits sehr unterschiedlich sind, auf der anderen Seite aber alle durch ein bestimmtes Gefühl und eine ähnliche Lebenseinstellung mit mir verbunden sind. Die findet man an Land nicht." Ein Crewmitglied, das auch am Tisch saß, schaltete sich ein. 2Man findet die Leute schon, aber man muss sie lange suchen und hier auf dem Schiff sind sie alle da und man kann wählen." Ich verkniff mir meinen spontanen Kommentar über das Schiff als Selbsthilfegruppe. Doch das Bild, wie wir alle in der Atlantik-Lounge im Kreis sitzen und einer immer aufsteht und sagt: "Ich bin ein Seefahrer. Die Seefahrt ist eine Sucht", amüsierte mich dann doch.

Suche, Flucht, Freiheit, Abenteuer, Leichtigkeit, Freunde finden, Länder entdecken, den eigenen Horizont erweitern, genießen, sich freuen, Glück empfinden, Frieden finden, intensiv leben, effektiv leben - leben! Das ist die Antwort, die ich dem Passagier morgen geben werde und ich werde sagen: "Aber vor allem sind es die Menschen, die ich kennen lerne. Die Menschen sind es. Deswegen bin ich auf dieser Weltreise!"

Musiktipp zur Stimmung: Titel "I had a dream", Joss Stone, Album: "The Soul Sessions"

Spruch des Tages: "Reisende, es gibt keinen Weg. Wege entstehen beim Gehen" (Antonio Machado)

Anja Fließbach: Samstag, 7 April 2007, 23:00 Uhr