84. Beitrag: "Das höchste Gebäude der Welt" (4. April)

Schon immer war ich ein Freund der Superlative und deshalb ist es selbstverständlich, dass nach der schnellsten Bahn der Welt, dem größten Bauwerk der Menschheitsgeschichte und dem größten Fischmarkt aller Länder, das höchste Gebäude unserer Erde für mich ein weiterer Höhepunkt unserer Weltreise war - das 101 in Taipeh, der Hauptstadt Taiwans...

Das Hochhaus sieht aus wie ein Palmenstamm oder eine nach oben schmaler werdende Bambusstange. Der Eingang des Taipeh Financial Centers ist modern, kühl elegant und digitale Anzeigetafeln zeigen uns den Weg zum Observatorium für Besucher. Wir sind aufgeregt. Zum Glück hatten wir höhenmäßig auf unserer Weltreise, speziell auf der Tour durch Asien, eine sanfte Steigerung zum Eingewöhnen: der Landmark - Tower in Yokohama, der Tokyo -Tower, der "wackelnde Turm" im koreanischen Pusan und der schicke Seoul - Tower. Nun bringt uns ein ebenso moderner wie leiser Lift in 39 Sekunden zu Aussichtsplattform auf 382m Höhe. Hier ist die 660 Tonnen schwere Stahlkugel zu sehen, die die Architekten in der Mitte des Gebäudes aufgehängt haben. Sie soll Schwankungen ausgleichen zum Beispiel bei Erdbeben. Wir als Besucher haben die Möglichkeit für eine weitere kleine Gebühr bis in die 92. Etage zu gelangen. "Ganz hoch auch?", fragt ein Freund eine Aufsichtsperson und erntet müdes Kopfschütteln: "Just VIPVIPVIPs. Are you a president?"

Ganz hoch heißt im 101, wie der Name schon sagt, in die 101. Etage. Insgesamt 508 Meter ist das Wahrzeichen Taipehs hoch und damit aktuell das höchste Gebäude der Welt.

Louisa findet vor allem den elektronischen Guide cool, mit dem sie im Observatorium angekommen, sich über Knopfdruck auf einer Art Telefon die Aussicht auf Deutsch erklären lässt. Aufmerksam und konzentriert geht sie allein die zwölf Stationen auf dem durch Panoramafenster geschlossenen Turm ab. Ich folge ihr in Sichtweite und warte dann auf sie am Fahrstuhl. "Fertig?", frage ich meine 6 - Jährige Tochter. "Du hättest auch mal zuhören sollen Mama, da konnte man viel lernen."

Auf der anschließenden Taxifahrt klärt mich meine Tochter über das politische und wirtschaftliche Zentrum Taiwans auf. "Wie viel sind zwei Millionen, Mama?", will sie wissen und meint die 2,64 Millionen Einwohner.

Während der Fahrt über von Palmen gesäumte Alleen haben wir Zeit abzutouren. Wichtig, denn in der Chiang Kai - shek - Gedächtnishalle treffen wir auf die komplizierte Taiwanesische Vergangenheit und politisch schwierige Gegenwart.

Die große 70m hohe Halle ist ganz aus weißem Marmor gebaut und wurde 1980 zu Ehren des Diktators eingeweiht. Als Bronzestatue sitzt Chiang in der Halle und wird von zwei Wachposten, die sich nicht bewegen dürfen, eskortiert. Viele Taiwanesen lassen sich mit dem Diktator fotografieren. "Habt ihr eigentlich auch eine Statue von Honecker irgendwo stehen", fragt unsere Freundin. "He?" Ich schaue sie entsetzt an, kann aber ihre absurde Frage zumindest nachvollziehen angesichts dessen was wir in China und nun auch hier erleben. Chiang Kai - shek, der aus China kam und bis 1975 Präsident war, wird also hier von einigen immer noch verehrt. Als wir auf der Treppe auf unsere Freunde warten, komme ich mit einer Taiwanesin ins Gespräch und bin ratlos. "Wir haben ein Problem mit unserer Identität", erklärt die junge Frau. "Gehören wir nun zu China oder sind wir selbstständig?"

Doch die Geschichte ist recht kompliziert. Schon m Jahr 1624 begann die Besiedelung Taiwans durch China und 1683 wurde Taiwan erstmals der chinesischen Provinz Fujian angeschlossen, gehörte also offiziell zu China. Zweihundert Jahre später gab China Taiwan nach einem Krieg an Japan ab. Wie wir es schon in Korea gehört haben, begann während der japanischen Besetzung eine schlimme Zeit auch für das taiwanesische Volk. Trotzdem legten die Japaner in Taipeh, ähnlich wie sie es in Seoul getan hatten, den Grundstein für den späteren wirtschaftlichen Erfolg der Städte. In der so genannten Kairoer Erklärung von 1943 versprachen die Alliierten China die Rückgabe Taiwans nach dem 2. Weltkrieg. Weil diese Erklärung völkerrechtlich nicht bindend war, erfolgte nie eine Rückgabe. Nach der Meinung der Chinesen besteht aber ein Anspruch auf Taiwan. "Das ist das Dilemma", so die Frau auf den Steinstufen vor der Gedächtnishalle. Die chinesische Regierung schaffte es, Taiwan weitestgehend diplomatisch zu isolieren. "Nur wenige Staaten erkennen uns als eigenständiges Land an", so die Frau. Offiziell sind es 25 Staaten. Obwohl es aufgrund der Geschichte viele Gemeinsamkeiten mit China gibt, viele Taiwaner den Ex - Präsidenten aus China hier noch ehren und die offizielle Amtssprache Mandarin und Hochchinesisch ist, halten die Spannungen zwischen den beiden Ländern an. Mehr als 650 Mittelstreckenraketen sollen von China aus auf Taiwan gerichtet sein. An der engsten Stelle ist die Insel, die einem Tabakblatt ähnelt, nur 130km von der Küste Chinas entfernt. Ich bin durcheinander. Wir verabschieden uns von der jungen Frau und auf dem Weg zum berühmten Grandhotel lasse ich mir die Geschichte noch mal von meiner Freundin erklären.

Erst in den kühlen, traditionell chinesischen Hallen des Grandhotels kühlt sich mein Gemüt nach den politischen Diskussionen über den Sozialismus, die geschichtlichen Feldzüge der Japaner und die ständige Kriegsgefahr weltweit langsam ab. Wir sitzen hier bei einem Tee und süßem Gebäck hoch über dem Keelung River und wenden uns nun wieder den persönlichen, aktuellen Dingen zu: Fahren wir wieder mit dem Zug zurück in die rund 80 Kilometer entfernte Stadt, wo unsere "MS Amadea" an der Pier liegt, oder mit dem Taxi. Die Fahrt am Morgen mit den Einheimischen im Zug war abenteuerlich und spannend.

Doch eines habe ich von Taipeh noch nicht berichtet – unser Besuch bei Jean Paul Gaultier in der Gummizelle. Das erzähle ich euch morgen!

Musiktipp: Lionel Richie, Titel "Still in love", Album: "Truly"

Spruch des Tages: "Leuchtende Tage, nicht weinen, dass sie vergangen, lächeln, dass sie gewesen, denn ihr habt sie gelebt." (Weisheit aus Asien)

Anja Fließbach: Mittwoch, 4 April 2007, 15:04 Uhr