78. Beitrag: "Chinesische Beamte" (29. März)

"Einmal sehen ist besser als hundertmal hören", heißt ein chinesisches Sprichwort. Genauso ist es uns an vielen Punkten auf dieser Weltreise gegangen, doch auf keine Sache hat der Spruch so gut gepasst, wie auf die "Große Mauer", das größte Bauwerk der Menschheitsgeschichte...

Doch vor diesen Höhepunkt unserer Weltreise haben sie uns noch große Steine in den Weg gelegt – die chinesischen Behörden. Normalerweise erledigen die Mitarbeiter der "MS Amadea" die Formalitäten und Chief Purserin Rebecca managt die Dinge mit unseren Pässen, Visa und was man sonst so braucht. In den meisten Fällen können wir einfach mit einem kleinen visitenkartengroßen Bordausweis vom Schiff hinunter, ins Land rein und wieder zurück. Aber China ist ein großes Land. Und wie mächtig es inzwischen ist, das bewiesen uns die Beamten.

Alle Passagier mussten sich ihre Pässe abholen und um neun Uhr in der Atlantik-Lounge Platz nehmen. Auch die, die nicht von Bord gehen wollten. Anschließend wurden kleine Gruppen in die Einreisehalle gerufen, bekamen Nummern, die mit den Namen auf der Passagierliste verbunden waren und mussten in Zehnergruppen an einem Schalter anstehen. Schon bevor jeder seinen Platz gefunden hatte, dauerte es eine kleine Ewigkeit. Ich war in der ersten Gruppe und sah den Kreuzfahrtleiter wild gestikulierend und mit einem Beamten diskutierend das erste Mal grimmig und kurz vor einem Herzinfarkt. "Wenn das nicht schneller geht, müssen wir alle Ausflüge absagen und können gleich wieder ablegen", schimpfte er gerade. Der Chinese schaute ihn ausdruckslos an. Na, das wäre was. Kurz vor der "Großen Mauer" stehen und ohne einen Blick darauf geworfen zu haben wieder abfahren? Unsere Zehnerreihe rutschte dann auch im Zehn-Minuten-Takt um jeweils eine Person weiter. Jede Passagiernummer wurde per Hand abgehakt, wenn das Foto eingehend mit der entsprechenden Person verglichen wurde. Endlich auf chinesischem Boden feierten wir jeden einzelnen Passagier, der den Weg aus dem Hafengebäude schließlich fand. Eine Tortur.

"Das sind die chinesischen Behören", erklärte unser Reiseleiter, als drei Stunden nach Ankunft endlich alle im Bus waren. Vier Stunden Fahrt standen uns bevor.

Zeit, viel vom Reiseleiter über China zu hören. Das Land der Mitte, wie es gern genannt wird, erstreckt sich vom Breitengrad auf dem auch Berlin liegt bis zum Breitengrad auf dem sich die Südsahara befindet. Ein riesiges Land mit 9,6 Millionen qkm, das in 22 Provinzen eingeteilt ist. Die Bevölkerung und Fläche allein einer dieser Provinzen ist größer als ein Staat in Mitteleuropa. In der Provinz Henan leben 90 Millionen Einwohner, insgesamt sind es 1, 3 Milliarden, mehr als ein Fünftel der gesamten Weltbevölkerung. Zu China gehören auch fünf autonome Gebiete, zu denen auch Tibet und die Innere Mongolei zählen.

Eine Ahnung von der riesigen Einwohnerzahl bekamen wir beim Anblick der vielen Hochhäusersiedlungen. Ein Wolkenkratzer neben dem anderen, fast die ganze Fahrt vom Hafen, an Peking vorbei, bis zu Mauer. "Heute gibt es eine strenge Geburtenregelung. Ein Kind ist erlaubt, ab dem zweiten muss man Strafgebühren zahlen", erklärt Reiseleiter Cheng.

Die Scheiben des Busses beschlagen leicht. Draußen ist es eisig kalt. "Zwischen den einzelnen Regionen Chinas liegen manchmal bis zu 70 Grad Temperaturunterschied zur gleichen Zeit", beschreibt Cheng die gigantischen Ausmaße des Landes. Er ist ein lustiger Reiseleiter und heitert die Atmosphäre mit einer Einführung in die chinesische Sprache auf. Über 50000 chinesische Schriftzeichen gibt es. "Kein Mensch kennt alle", sagt er. Doch mit 2500 Zeichen könne man immerhin 98 Prozent aller chinesischen Texte lesen. Ein Zeichen entspricht einer Lautsilbe, das erste Zeichen beschreibt die Aussprache, das zweite den Zusammenhang. Wir dürfen üben und lachen uns dabei kaputt. Zuerst lernen wir "ni hau!". Das heißt "Guten Morgen". Allerdings muss man die zweite Silbe in einer bestimmten Melodie singen, sonst sagt man etwas Unanständiges. Louisa, als musikalisches Kind, hat Spaß an der Sprachstunde. Wir lernen, dass es für jede Silbe vier Melodiemöglichkeiten gibt: Von oben nach unten, von unten nach oben, gleich bleibend und von oben nach unten und wieder hoch. "Wenn man Mutter sagen will, ma, und betonen es falsch, sagt man Pferd.“ Na das kann Ärger geben. Wir lernen noch, was wir sagen müssen, wenn wir eine Toilette suchen ("tze suo dsai nali") und das wir uns mit "chiachia" bedanken sollen. So als ob wir ratlos wären über so viel Freundlichkeit.

Sicherheitshalber hat man uns aber, wie überall in Asien, ein kleines Kärtchen in die Hand gegeben, wo in der jeweiligen Sprache (bisher Koreanisch, Japanisch und nun Chinesisch) drauf steht: "Bitte bringen Sie uns zurück zum Hafen. Unser Schiff heißt Amadea." Dazu die Adresse. Ich wollte schon fragen, ob wir auch ein Hundehalsband für uns bekommen würden, um den Zettel hinter die Plakette kleben zu können. Ging aber nicht.

Wegen der Zeitverschiebung, mussten wir unseren Plan für den Tag ändern und hatten nun als erstes die "Große Mauer" auf dem Plan. Das Mittagessen würde nun ein Abendessen werden. Auch gut. "Wir haben auch geschimpft, dass wir drei Stunden auf Sie warten mussten", greift Cheng noch mal den Ärger mit den Beamten auf. "Wir haben eben, auch wenn es inzwischen in vielen Bereichen anders scheint, immer noch ein sozialistisches System", erklärt er. Der sozialistische Einheitsstaat wird von der Kommunistischen Partei regiert und das höchste Machtorgan ist der nationale Volkskongress mit rund 3000 Delegierten. Dann gibt es noch wie in der Ex-DDR einen Staatsrat, ein Politbüro und eine Behörde mit dem Namen "Amt für öffentliche Sicherheit." Es ist kein Geheimnis, das unter dessen Führung immer noch zahlreiche Spitzel unterwegs sind (hoffentlich stehe ich nach diesem Bericht nicht auf einer speziellen chinesischen Liste). "Wir haben uns zwar wirtschaftlich geöffnet", erklärt Cheng. "Politisch sind wir weit davon entfernt." Das Aufbegehren des Volkes wurde im Bürgerkrieg zwischen 1946 bis 1950 mit 20 Millionen Menschenleben bezahlt, das Massaker von 1989 in Peking kostete 931 Opfer.

Cheng erzählt so viel und der Blick aus dem Fenster ist so spannend, dass wir völlig überrascht sind, als plötzlich ein Passagier ruft: "Da ist sie!" Tatsächlich. Wir drücken unsere Nasen ans Fenster und sehen sie wie einen grauen Faden, der über die Berge gelegt wurde: "Die große Mauer".

Mehr dazu - morgen.

Anja Fließbach: Donnerstag, 29 März 2007, 18:53 Uhr