76. Beitrag: "Rammstein über den Wellen" (26. März)

Jeder hat seine Musik. Der eine mag die Band, der andere den Sänger - meine Musik ist anders. Heute hat mich ein Passagier angesprochen, als ich an der Reling auf Deck 8 stand und scheinbar verträumt die Wellen betrachtete. Hätte ich ihm meine Kopfhörer gegeben, hätte Rammstein ihm entgegengebrüllt: "Du bist hässlich, du bist so hässlich, du - du bist hässlich"...

Ich liebe klassische Musik, Opern, Wagner, Klavierkonzerte, Wenn Maria Callas "Norma - Casta Diva" singt, geht mein Herz auf. In manchen Momenten falle ich auch auf Hymnen von Helmut Lotti (ich liebe seine russische CD "From Russia with Love"), die Kelly Family ("From their hearts") oder Heintje hinunter. Das ist selbst meiner Oma zu viel. Dabei ist es so herzzerreißend, wenn er als kleiner Junge von seiner Mama singt. Okay, bis Heino und dem Musikantenstadl geht mein Fall dann doch nicht. Aber auf dem Laufband motiviere ich mich am liebsten mit Pauken und Trompeten - Marschmusik. Sorry!
Wenn ihr nach diesen Outings beschließt, dass ihr mich nun nicht mehr kennt, habe ich Verständnis. Aber wie gesagt, meine Musik ist anders.
Die CD - Verkäuferin in unserem Karstadt auf der Prager Straße hat mich in den letzten Jahren Schritt für Schritt an die "richtigen" CDs herangeführt. Ganz behutsam, wahrscheinlich habe ich ihr Leid getan oder sie hat befürchtet, dass ich schon in jungen Jahren wegen der Oma - Musik, die ich hörte, ergrauen würde. Auf meinen Einkaufslisten fand ich plötzlich James Blunt ("Back to Bedlam"), Norah Jones ("Come away with me"), Kenny Rogers ("Greatest Hits") oder Joss Stone ("Mind, Body and Soul"). Die Verkäuferin, liebe Grüße Frau Nage, ist übrigens allein erziehend, hat ein gutes Gespür für Trends und konnte stets die zukünftigen Charthits voraussagen. Auch als die Sache mit den deutschen Band startete. Plötzlich hatte ich Unmengen von "Silbermond", "2raumwohnung", "Juli" und "Rosenstolz" - CDs in meinem Einkaufskorb.
Die höre ich am liebsten im Zug. Es gibt für mich keinen besseren Platz (außer auf dem Schiff), Musik zu hören als im ICE oder EC. Platz am Fenster, Sonnenaufgang oder Regentropfen auf der Fensterscheibe und vier Stunden Zeit. Das ist es auch, was ich an der Kreuzfahrt mag. Wie im Zug kann man so mal ohne schlechtes Gewissen ausruhen. Man tut zwar nichts, kommt aber trotzdem vorwärts.
Manchmal weiß ich sofort, welche Musik zu meiner Stimmung passt. Manchmal suche ich lange und verpasse vielleicht sogar den Augenblick zu dem die Musik gepasst hätte. Wenn ich bei meiner Mutti sonntags beim Essen bin, nerve ich, weil ich immer wieder aufstehe und die CD oder den Titel wechsel. Aber die Musik, die zu Thüringer Klößen passt, geht eben nicht zu Fischfilet.
Außerdem habe ich bestimmte CDs, die nur an bestimmten Orten wirken. Wenn ich stundenlang am Ostseestrand spazieren gehe - dahin fahre ich mindestens 3x im Jahr und wenn es nur zwei Tage sind - brauche ich eine bestimmte Musik. Die mag ich woanders nicht hören, weil ich dann traurig bin, nicht am Strand zu sein. Oder für die Nacht, wenn ich auf dem Dach in meinem Lieblingshotel in Oberbärenburg sitze (da kann man nämlich vom Fenster ganz oben rausklettern, aber pssst!), passt nur Xavier Naidoo.
Von dem ist übrigens auch das Lied, das ich mit meinem Onkel Martin verbinde. Da ich keine Geschwister habe, war er für mich wie ein Bruder und starb mit 36 plötzlich an etwas, was wir bis heute nicht wissen. "Abschied nehmen" höre ich immer wenn ich zu ihm fahre, manchmal im Zug, manchmal sogar direkt auf dem Fußweg zum Friedhof. Auch mein Opa Willy, Martins Vater, hat so ein Lied. Er wurde mit dem "Gefangenenchor" beerdigt und wenn ich die Melodie höre (auf CD habe ich es als Water/VaPensiero von "The Ten Tenors"), sehe ich noch die Lilien, wie sie mit dem Sarg nach unten gelassen wurden und heule regelmäßig wie ein Schlosshund obwohl er, im Gegensatz zu Martin, schon 14 Jahre tot ist. Mein Gott, schon vierzehn Jahre.
Fast jede Person, die mir nahe steht, verbinde ich mit einem Lied. Nur die Männer, mit denen ich eine Beziehung hatte, haben seltsamerweise keine Lieder. Aber die Männer, mit denen ich nicht zusammengekommen bin, haben welche. Eigenartig.
Und dann ist da eben noch "Notre - Dame de Paris", das Musical, das ich auf meiner ersten Weltreise das erste Mal gesehen habe und was mich bis heute "gefangen hält". Oder meine Lieblings - CD von Eva Cassidy "Songbird", die ich auf Cap Code auf der Straße gehört habe, kaufen MUSSTE und die mich ewig an meine Zeit in Boston erinnert. Oder das "Abba"-Musical "Mamma Mia", das in die Hamburger Tage gehört . Oder...
Welche Musik werde ich später mal mit dieser Weltreise auf der "Amadea" in Verbindung bringen? Eine kleine Auswahl habe ich schon.
So verschieden wie meine Stimmungen sind, so verschieden ist meine Musik. Auf meinem iPod sind  Unmengen von CDs von den "Toten Hosen" bis "Romantic Western", von Robbie Williams bis zu Francoise Hardy. Und diese Stimmungen sieht man mir oft nicht an. Kein Wunder also, dass so mancher Passagier geschockt wäre, könnte er mithören. Wie kann man auch an einem romantischen Seetag mit Sonnenschein, weißen Wölkchen und Kräuselwellen Liedern über russische Prostituierte, einen Flugzeugabsturz, Menschenfresser oder Psychopathen lauschen. "Darf ich mal hören, Mama?", kam dann auch noch mein Kind heute. Normalerweise tauschen wir gern mal die Kopfhörer, denn sie hat meine Leidenschaft geerbt und liebt Musik. Aber dieses Mal? "Meine Musik ist gerade zu böse", wiegelte ich ab. "Oh, Mama. Warum hörst du böse Musik?" Gute Frage.  "Weil nach dem Musikhören alles Böse aus mir raus ist und ich lieb wie immer sein kann." Sie hörte ihre Kinderlieder weiter und ich nickte dem Schweizer Ehepaar zu, das mich von Deck 9 aus grüßte. Zum Glück ahnten sie nicht, dass ich gerade bei 30 Grad Folgendes hörte: "Ich bin schon lange kalt, so kalt, mir ist so kalt..."

Musiktipp zur Stimmung: Album "Reise, Reise", Rammstein, Titel: "Reise, Reise"

Anja Fließbach: Montag, 26 März 2007, 23:09 Uhr

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