70. Beitrag: "Tausend Kraniche für Hiroshima" (19. März)

Mir war übel. Richtig schlecht. Langsam und mit gesenktem Blick schlich ich über die Steinplatten im Friedenspark in Hiroshima. Über diesem Platz war die erste Atombombe der Menschheitsgeschichte explodiert, die zu Kriegszwecken eingesetzt wurde. Mehr als 200.000 Menschen tot! Mit einem Schlag! Knipps! Aus!...

Sie war genau 8.15 Uhr stehen geblieben, die verkohlte, kleine Metalluhr. Fassungslos stehe ich im Atombombenmuseum, dem "Peace Memorial Museum", und betrachte den mahnenden Zeitmesser, sehe die Dokumente, Filme und Fotos dieses schrecklichen Tages. Leise Musik untermalt die bedrückende Atmosphäre. Liegt es am Schnupfen oder an der Anteilnahme - um mich herum wird geschnieft und sich geschnäuzt. Ein Blick in die Augen der anderen Museumsbesucher: Fassungslosigkeit!

Viel hatte ich gehört von den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, hatte in der Schule Fotos gesehen, hatte Lieder über die gefalteten Kraniche gesungen. Aber hier zu stehen, Hiroshima vor und nach dem Bombenabwurf zu sehen und in der Gemeinschaft mit den vielen Besuchern aus aller Welt diese Trauer zu spüren, war etwas ganz anderes.

Ich musste raus aus dem Museum. Brauchte eine Pause. Frische Luft.

Allein lief ich über den Platz zur Atombombenkuppel. Die Überreste der Industrie- und Handelskammer, die einst hier gestanden hatte, war als einzige Ruine stehen geblieben. Normalerweise würde ich die Einwohner ansprechen und fragen, was sie über ihre Geschichte denken. Aber hier kann man keinen ansprechen. Hier sieht man sich an und schlägt die Augen nieder. Scham. Entsetzen. Trauer. Gelesen habe ich, dass am Abend jeden Jahrestages die Familien der Opfer, die Kinder und Enkel an der Ruine Papierschiffchen mit brennenden Kerzen in den Ota - Fluss setzen, die an die Toten erinnern und zum Meer schwimmen.

Ein paar Schritte weiter steht der Zenotaph, ein leeres Grabmahl und die ewige Flamme. "Sie soll so lange brennen, bis die letzte Atombombe auf der Erde abgeschafft ist", erklärte unsere Reiseleiterin auf der Fahrt hier her. Auf einer Tafel am Turm für die Seelen der Opfer steht: "Ruhet in Frieden. Dieser Fehler wird sich nicht wiederholen." Ich bin mir da nicht sicher.

Eine Gruppe Kinder kommt diszipliniert in Zweierreihe an mir vorbei. Gemeinsam postieren wir uns vor dem Kinderdenkmal. Louisa habe ich an diesem Tag in der Obhut meiner und ihrer Freunde auf dem Schiff gelassen. Hiroshima wollte ich ihr nicht zumuten.

Aber diese Kinder hier sind nicht viel älter als Louisa. Zwei von ihnen dürfen die langen Stricke mit 1000 gefalteten Kranichen an eine Vorrichtung neben das Denkmal hängen. Die Kleinen nehmen ihre Aufgabe ernst, sind feierlich und bedacht. Ich hoffe für sie, dass sie noch nicht begreifen, was hier vor 62 Jahren passiert war. Die Kraniche stehen für den Lebenskampf des Mädchens Sasaki Sakado, die radioaktiv verstrahlt war und als Zehnjährige 1000 von diesen Papierkranichen falten wollte. Die Kraniche gelten in Japan als Symbol für Gesundheit und ein langes Leben. Als sie beim 663. Kranich war, starb sie an  Leukämie. Die Kinder des Landes falteten die restlichen Kraniche und 1000 von den Papiertieren schmückten das Grab des kleinen Mädchens. Seitdem kommen täglich viele Schulklassen hier zu Sasakis Denkmal und hängen in Erinnerung gefaltete Kraniche auf.

Ich gehe zurück ins Museum, nicht viel gefasster. Die meisten Japaner stehen vor den Tafeln, die die Frage klären: "Warum Japan? Warum Hiroshima?" Ich erinnere mich, dass die Amerikaner auch meine Heimatstadt Dresden als erstes Ziel eines Atombombenabwurfs in Erwägung gezogen hatten. Dieses Atombombenabwurfs. Dieser Bombe, deren Zerstörungen und Langzeitfolgen mir hier vor Augen geführt wurden. Ich wäre gar nicht da! Mir ist wieder übel. Eine knappe Entscheidung und ich wäre wahrscheinlich gar nicht auf der Welt. Und meine Familie, meine Freunde, meine Bekannten auch nicht.

Auf Hiroshima fiel die Wahl wegen seiner Bedeutung für die Kriegswirtschaft, befanden sich hier doch viele Militärdepots und Rüstungsfabriken. Japan selbst hatte kurz vor dem Abwurf nochmals seinen absoluten Widerstand bekräftigt. Wenige Tage nach dem Schock der Atombomben kapitulierte das Land.

Am erschreckendsten fand ich den Teil des Museums, wo der heutige Stand des Atomzeitalters dargestellt wurde. Der Globus mit der Verteilung der Waffen, die prognostizierten Auswirkungen eines Atomkrieges, Bilder von Tests und die neuesten technischen Entwicklungen. Auf einem Monitor stand: "Hoffen wir, dass die Menschheit die Weisheit besitzt, das Atomzeitalter zu überleben."

Die Stadt Hiroshima gibt Hoffnung. Für mich völlig unerwartet, zeigt sich die 1,1 Millionenstadt modern mit Geschäftshäusern, Einkaufzentren, Bars und Restaurants. Auf den ersten Blick eine ganz normale Großstadt mit freundlichen und durchaus lebensfrohen Menschen, deren Zahl heute doppelt so hoch ist wie vor dem Bombenabwurf. Aber immer noch wird am 6. August, dem Tag des Abwurfs, eine Pergamentrolle in die Erde versenkt, auf der steht, wie viele Menschen im letzten Jahr noch an den Folgen des Abwurfs und der Strahlung starben - noch heute sind es jährlich rund 5000 Opfer!

Anja Fließbach: Montag, 19 März 2007, 22:54 Uhr