7. Beitrag: "Die Kinder der Kapverden" (29. Dezember)

Wer sagt, eine Kreuzfahrt sei langweilig, hat noch keine gemacht...
Kaum hatten wir einen gewissen Rhythmus an Bord gefunden, wurde der durch einen "Landgang" schon wieder durcheinander gebracht. Ich gebe zu, diese Beschwerde ist ziemlich abstrakt, denn wegen der Erkundung verschiedener Länder fährt man schließlich um die Welt. Aber ein Seetag ist sooo schön.

Wir waren jedenfalls an Land. Genauer gesagt auf der Insel Santiago - 991 qkm groß, mit 230.000 Einwohnern die bevölkerungsreichste der Kapverdischen Inseln. Bevor wir vor zwei Jahren schon einmal auf den Kapverden waren, hatte ich noch nie etwas von dem Archipel westlich vom Senegal gehört (rund 600 km von Dakar entfernt). Obwohl es auf Santiago einen internationalen Flughafen gibt und immerhin rund 150.000 Ausländer im Jahr die Insel besuchen, hauptsächlich Portugiesen und Italiener. Die Deutschen machen 12 Prozent der Besucher aus.
Der Hafen von Praia, der Hauptstadt im Südosten von Santiago war abenteuerlich. Riesige Container schwebten über unsere Köpfe hinweg, wir schlängelten uns vorbei an Kränen und Transportfahrzeugen, sprangen zur Seite, wenn Frachtsäcke von LKWs auf Holzpritschen geworfen wurden. Ich machte ein Spiel daraus, den Ausgang aus dem Labyrinth zu finden. Das nahm Louisa ein wenig die Angst, denn die Hektik und vor allem der Lärm des Hafens ängstigten sie etwas.

Nach den üblichen Verhandlungen mit dem Taxifahrer ging die Fahrt ins Zentrum von Praia. Unterwegs stellten wir erneut fest, dass die Inseln des "Grünen Kaps" (Ilhas do Cabo Verde) ihren Namen nicht gerecht werden. Karg und trocken war die Gegend, das Klima ähnlich den Kanaren, die inzwischen schon 1500 km von uns entfernt waren,  nur heißer und regenärmer. Die Kapverdischen Inseln sind riesige Vulkanberge, die vor etwa 18 Millionen Jahren begannen, über den Meerespegel hinaus zu wachsen.
"Die Leute sind ja alle schwarz", erkannte Louisa bei einem Blick aus dem Fenster. Nachdem die ersten portugiesischen Siedler 1462 nach Santiago gekommen waren und die anschließende Besiedlung mit Europäern nicht richtig funktioniert hatte, wurden 1466 die ersten afrikanischen Sklaven geholt. Schnell entwickelten sich die Kapverden als Drehscheibe des Sklavenhandels. Zehntausende wurden von hier nach Südamerika, Spanien und Portugal verschickt. Heute kommen viele Afrikaner auf die Insel, um Arbeit zu finden. Sie mischen sich mit den Menschen portugiesischer Abstammung. Die Amtssprache hier ist immer noch Portugiesisch.

Wir steigen auf dem Plateau in der Altstadt aus und laufen vom Praca 12 do Septembro zum zentralen Markt auf der Avenida Amilcar Cabral. Louisa staunt, wie die Frauen schwere Körbe und Kisten auf ihren Köpfen tragen. Robust und selbstbewusst bahnen sie sich ihren Weg. Wieder ist es laut und eng und wuselig. Auf dem Markt, wo fangfrischer Thunfisch, exotische Früchte und Haushaltsgeräte angeboten werden, laufen viele Kinder an Kisten und Körben vorbei. Louisa findet schnell Freunde.
Die meisten Kinder hier, auf manchen Inseln bis 75 Prozent, sind unehelich. In den ärmeren Schichten heiraten die Menschen nur selten, weil der Mann keine Verantwortung für die Frau und die Kinder übernehmen möchte. Alleinerziehende gibt es trotzdem wenige, erzählt uns Maria, die ihren Stand am Eingang des Marktes hat und deren zwei Töchter sich mit Händen und Füßen mit Louisa bekannt machen. Maria spricht gebrochenes Französisch. "Der Vater bleibt bei der Familie so lange er möchte." Und danach? "Kommt schnell ein neuer Mann", winkt die junge Frau selbstverständlich ab. "Kinder kein Hindernis", wird hier offensichtlich ernst genommen. So sei es auch völlig normal, dass eine Frau Kinder von verschiedenen Männern habe. Maria hatte Glück. Sie ist verheiratet, weil ihre Eltern ihrem Mann zur Hochzeit Geld geschenkt haben.

Wir verschnaufen bei einem Grogue, einem hochprozentigen Zuckerrohrschnaps. Er brennt so im Hals, dass ich aufstehe und erstmal ein paar Runden um den Tisch gehe. Louisa nippt an ihrem Wasser und lacht mich aus. "Da haben Sie wenigstens den Beweis, dass der Schnaps echt ist", meint ein anderer Passagier von der "MS Amadea" am Nebentisch. Es würde hier viel illegal gepanscht, erzählt er. Von dem echten Nationalgetränke werden auf den Kapverden jährlich 1,7 Millionen Liter produziert und exportiert, vor allem in die USA.
Dort leben viele Emigranten der Kapverden. Die Überweisungen dieser Emigranten (einige leben auch in Holland) machen immerhin 20 Prozent des Bruttosozialproduktes aus.

Nach einem Spaziergang auf der Avenida 5 de Julho, dann vorbei am Präsidentenpalast (Sitz des Staatspräsidenten) und am Obelisk, der an die Entdeckung der Inseln erinnert, nehmen wir uns ein Taxi zurück zum Schiff.
Bevor die "MS Amadea" ihren Weg durch den Atlantik Richtung Brasilien beginnt, steuert Kapitän Werner Detampel das Schiff an der Vulkaninsel Fogo vorbei. Während ich an meinem Schreibtisch sitze und arbeite, tauchte rechts neben mir plötzlich der Pico de Fogo auf, mit 2839m die höchste Erhebung der Kapverden und der größte aktive Vulkan im Atlantik. Ich gehe auf unseren Balkon und staune über die Gestalt des ebenmäßigen Vulkankegels (Stratovulkan), der im Jahr 1995 das letzte Mal ausgebrochen ist und dessen Lavaströme landwirtschaftliche Flächen und viele Häuser zerstörten, aber keine Todesopfer forderten.
Dann nimmt "MS Amadea" Fahrt auf. Einmal quer durch den Atlantik. Drei Tage lang auf See. Herrlich.

Autorin: Anja K. Fließbach
(Geschrieben am Freitag, dem 29. Dezember 2006, 15:35 Uhr)

Kommentare zum 7. Beitrag

Vielen Dank für diesen interessanten Artikel, der mich vor allem wegen meiner portugiesischen Wurzeln angesprochen hat!
Ich hoffe auf noch viele weitere interessante Berichte Ihrer Reiseerlebnisse wie diesen und wünsche Ihnen und ihrer Tochter weiterhin viel Spaß!
Freundliche Grüße,
E. de Sousa Pinto

Kommentiert von: Elizabeth de Sousa Pinto | Samstag, 30 Dezember 2006, 0:18 Uhr

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Hat mir auch gut gefallen! Es macht mir gerade richtig Fernweh bei all dem Regen hier in Deutschland.
Wie bereitet man sich eigentlich auf so viele verschiedene Länder vor? Für jedes Land ein Reiseführer? Oder lässt du das einfach alles auf dich zukommen? Oder hast du vor deiner ersten Reise viel gelesen und jetzt nicht mehr?
Alles sehr spannend. Ich freue mich auf den nächsten Eintrag.
Euch einen guten Rutsch!

Kommentiert von: Sabine | Sonntag, 31 Dezember 2006, 1:10 Uhr

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(Letzte Aktualisierung: 30.12.2006)

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