63. Beitrag: "U-Bahnfahren in Yokohama" (10. März)

 Die Maschine vor uns musste etwas mit Fahrkarten zu tun haben. Eigenartige Knöpfe, Schlitze und Schriftzeichen deuteten darauf hin. Trotz einer sonst schnellen Auffassungsgabe, wirkte ich hier auf der U-Bahnstation in Yokohama wie eine Außerirdische, die das erste Mal auf der Erde ist. Oder war eher Japan wie ein anderer Stern...

Es war unser erster Tag in Japan und eigentlich hatten wir vorgehabt, mit den anderen Passagieren zum berühmten Berg Fuji zu fahren (der 3776m hohe Vulkan wird als heiliger Berg verehrt). Ein Blick auf das Wetter am Morgen sagte mir, dass das am heutigen Tag nicht viel Sinn hätte - Wolken, Regen.

Also wagten Louisa und ich uns zu zweit in das Abenteuer Japan. Gewarnt und abgeschreckt von Passagieren und Crewmitglieder, die schon hier waren, gingen wir trotzdem allein. "Nichts ist in Englisch geschrieben, keiner versteht ein Wort, man ist allein völlig verloren in Japan", waren die Prognosen. Trotzdem! Es war ein zivilisiertes Land, Louisa und ich waren ein gutes Team und die ersten Eindrücke dieses für mich völlig unbekannten Teils der Welt wollte ich in Ruhe aufnehmen können.

Schnell wurde unser Mut gestärkt: Im Hafenterminal trafen wir zwei nette Japaner an der Information, die sogar Deutsch mit uns sprachen. Während Louisa sich von dem älteren Mann ihren Namen auf Japanisch aufschreiben ließ, erklärte mir die Frau auf dem Stadtplan die Richtungen. Sicherheitshalber ließ ich mir von ihr markante Punkte auf Japanisch notieren und wir gingen los.

Es war so schön. Wir schlenderten Richtung U-Bahnstation und saugten die Atmosphäre des "neuen Landes" auf. Mit großen Augen bestaunten wir die breiten Straßen, die imposanten Gebäude, die vielen Hochhäuser der Stadt am Meer. Die Japaner, fast ausschließlich in Anzug und Krawatte oder geschäftlichem Kostüm, stürmten souverän und beschäftigt an uns vorbei. Ihre wichtigsten Attribute waren Handy und Mundschutz. Etwa jeder Vierte trug diesen weißen Mull über Mund und Nase. Da wir eh erstmal an der U-Bahnstation vorbei gelaufen waren und plötzlich am Yokohama-Stadion standen, machten wir eine Pause. Die nutze ich wie immer, um die Sache mit dem Mundschutz gleich vor Ort zu klären. Die Frau neben uns auf der Bank sprach ein wenig Englisch. Sie erklärte, dass sie ohne Mundschutz Kopfschmerzen bekommen und müde werden würde. Die Japaner trugen diese Dinger gegen den Smog und gegen Pollen.

Wir suchten die U-Bahn und ließen uns beeindruckt weiter durch die Straßen treiben. Ich fragte noch mal nach "Nihondori" (so hieß die Station) und Louisa lachte, weil keiner mein Japanisch verstand. Eigentlich hatte ich sogar mal in einem Extended Course Japanisch an der California State University in Los Angeles gelernt, als ich vor Louisas Geburt bei einem Fernsehsender in Hollywood gearbeitet hatte. Aber ich wusste nur noch "konnnitschi wa" (Guten Tag), "Anja to mohschimass" (Ich heiße Anja) und "....wa docko dess ka" (Wo ist...?). Allerdings konnte ich nicht mehr sagen, was ich suchte. Toll!

Also nützte uns das in der überfüllten U-Bahn-Station wenig. Yokohama grenzt wie Kawasaki und die Päfektur Chiba  nahtlos an Tokio an. In diesem Gebiet wohnen insgesamt 30 Millionen Menschen und trotzdem war es für uns nun schwer, einen zu finden, den wir zum Stehenbleiben bringen konnten. Mit dem Stadtplan erklärten wir dann einem kleinen Mann unser Anliegen und zum Glück managte er die Ticketprozedur und nahm uns mit auf den richtigen Bahnsteig. Das Fahren mit S-Bahn und Zug ist mit Blick auf die Megastaus des Landes die bessere Alternative. Das Netz ist gut ausgebaut und stark frequentiert. Zwischen Tokio und Osaka fahren allein 60 Züge täglich, der "Nozomi" zwischen Tokio und Fukuoka fährt 300km/h und Japan arbeitet neben Deutschland als einziges Land an der Entwicklung einer Magnetbahn. Unsere U-Bahn war etwas kleiner, aber schnell, laut, voll und mit viel bunter Werbung versehen. Wir stiegen in "Mirato Mirai" aus und Louisa bekam die Aufgabe, sich den Namen zu merken. Wir wurden im Strom der Menschenmassen ein paar Rolltreppen nach oben gespült und landeten im Queens Square, einem Geschäfts- und Einkaufcenter bestehend aus drei Hochhäusern. Ich fand eine Art Stadtplan für das Gebäude, doch Louisa zog mich von einem bunt blinkenden Shop zum nächsten Glitzer-Regal, von einem laut rufenden Platzanweiser zum nächsten Kindercomputer. Es war Wahnsinn!

Um dem Trubel kurz zu entfliehen, suchte ich eine Sushi -Bar. Sushi und Japan - das sollte klappen, dachte ich. Es gab ganze Flure mit Restaurants. In einem Lokal gab es alles aus Oliven, im nächsten alle Speisen mit Muscheln, ein Restaurant für Krebse, eines für Omeletts, eines für Spaghetti. Das Angebot erschlug uns fast. Doch die Sushi mussten wir lange suchen.

Wir fanden sie bei Takeo in seiner "sushi-ya" in Block A. Wir saßen den Sushi - Meistern gegenüber und bestellten einfach auf Schriftzeichen in der Speisekarte deutend. Wir bekamen suimono, eine aus der Schüssel zu schlürfende Suppe mit niedlichen Muscheln, deren Schale Louisa als Souvenir mitnahm. Dann Salat mit Tintenfisch, den wir beide nicht essen und eine große Platte mit Sushi. Wir beide lieben die japanischen Köstlichkeiten eigentlich. Die mit Thunfisch, Lachs und Aal erkannten wir auch, aber bei den anderen landeten einige nach dem Kosten diskret in der Serviette. Davon abgesehen war es köstlich und wie so oft mit unbekannten Menschen, kam ich mit Takeo in ein so intensives Gespräch, dass er selbst seine Mittagspause mit uns verbrachte. Takeo ist 48 Jahre alt, geschieden und Vater von zwei Kindern. Seit 30 Jahren macht er Sushi und liebt diese Kunst, bei dem der Reis korrekt mit Essig versetzt und gedämpft werden muss und die Auflage absolut frisch sein sollte. Takeo ist Chef der Filiale und arbeitet wie alle Japaner hart. Er hat im Monat sechs Tage frei, die nach Plan abgesprochen werden. Im ganzen Jahr stehen ihm zehn Tage Urlaub zu. Die Frage ob er glücklich ist, beantwortete er mit einem unemotionalen "Hai." Ja.

Nach dem Essen wollte Louisa ihre Stäbchen in ihr Glas stellen. Mit Schwung fingerte Takeo die Stäbchen wieder raus. "Das macht man nur als Opfer für die Toten", erklärt er bestürzt. Man darf mit den Stäbchen nicht wedeln, nichts aufspießen und nicht das Geschirr bewegen. Aberglaube und Höflichkeit. Wieder was gelernt.

Satt und zufrieden ließen wir uns weiter treiben und landeten ohne ins Freie zu kommen im nächsten Gebäude. Hier fanden wir den Landmark Tower, fuhren mit dem 45km/h schnellen Aufzug in die 68. Etage und erfuhren dort, dass wir auf dem höchsten Gebäude Japans waren. Von den 296m aus hatten wir trotz Regenwetter eine relativ gute Sicht auf die Stadt, sahen sogar die "MS Amadea".

Die Rückfahrt mit der U-Bahn ging fast schief. Zwar hatten wir die richtige Station und Richtung, aber gerade als wir in den Zug einsteigen wollte, sprach uns ein junger Mann auf Englisch an. "Wollt ihr wirklich in den Express?" Er hieß Joe und war Student aus den USA. Er erklärte uns die Anzeigen auf diesem Bahnsteig: drei Züge mit drei Farben. Wir brauchten die grüne Bahn, die hielt überall. Nicht die orangene, die hielt selten und auf keinen Fall die rote Bahn – das war der Express und hielt zwischen A und B gar nicht.  Na, da hätten wir Spaß gehabt... Beim Warten auf "Grün" erzählt uns Joe von seinem Jahr in Japan, dem 378.000qkm großen Land mit den wild wachsenden Großstädten und dem Leben auf engstem Raum. "Sie sind stolz, die Japaner. Aber längst nicht mehr so unnahbar wie ihr Ruf", so der Student.

Als wir wieder bei "Nihondori" angekommen waren, waren wir stolz. "Give me five, Mama", sagte Louisa und wir klatschten unsere Hände zusammen.

Auf dem Weg zum Hafen kamen wir an einem Restaurant vorbei, dessen Außenwerbung niedliche Pudel zeigte und ich schaffte es gerade noch, mein Kind daran vorbei zu manövrieren. Plötzlich rief Jemand laut: "Louisa, Louisa!" Ein Japaner kam auf uns zu und die beiden begrüßten sich. Klar, ein Japaner mitten in Japan kannte mein Kind und mein Kind kannte ihn. Ich staunte und sah die beiden fragend an. "Das ist doch der Mann, der mir heute früh meinen Namen aufgeschrieben hatte", wusste mein Kind noch. Da ein Japaner mit den anderen für mich eine gewisse Ähnlichkeit hatte, um es vorsichtig auszudrücken, hätte ich ihn nicht erkannt. Aber die Begegnung war cool und wir amüsierten uns.

Zum Schluss des Tages landeten meine Füße in den Händen von Suefuji, einem Reflexologen. Spontan an einer "Asian Style Reflexology" vorbeigekommen, gönnte ich mir eine einstündige Behandlung. Während Louisa sich ein Buch anschaute, ordnete Suefuji mein Energiefeld mit Ziehen, Drücken, Verbiegen und Streichen meiner Füße, Zehen, Waden und Knie. Außer Verspannungen im Nacken, die er anhand meiner Füße feststellte, sei alles in Ordnung. "Sehr gute Energie, sehr gute Vibrationen", erklärte er und ich versuchte, nicht zu lachen.

Nach einem kurzen Tiefschlaf auf dem Schiff, war ich so energiegeladen, dass ich bis drei Uhr nicht schlafen konnte. Das war umso schlimmer, weil ich um vier Uhr wieder aufstehen musste. Warum? Morgen...

Anja Fließbach: Samstag, 10 März 2007, 11:47 Uhr