56. Beitrag: "Die Sonne geht auch morgen unter" (3. März)

Euphorisch rief ich mein Kind auf den Balkon unserer Juniorsuite 132 auf Deck 10 der "MS Amadea". Louisas kleines Gesicht schob sich durch die Tür. "Komm raus und sieh wie schön die Sonne aussieht." Ich winkte ihr. "Die Sonne geht auch morgen unter", antwortete mein Kind und ließ mich verblüfft zurück. Stimmte das?...
Dieser Satz wäre mir nie im Leben eingefallen und ehrlich gesagt war ich überhaupt nicht dieser Meinung. Okay, die Sonne ging vielleicht wieder unter. Aber: Gab es die Menschen morgen noch? Das war angesichts der militärischen Präsenz und der atomaren Basen auf den Inseln hier im Pazifik eine angemessene Frage. Würden wir morgen noch gesund sein und die Sonne genießen können? Gab es morgen Regen? Würden schwarze Wolken die Sonne verdecken oder Nebel sie verhüllen? Würde ich morgen das gleiche Lied in meinem iPod finden? In was für einer Stimmung würden wir morgen sein und wären die Farben die gleichen?

Okay, die Sonne würde sicher wieder untergehen. Aber der Sonnenuntergang würde nie mehr so sein wie jetzt. Andere Wolkenformationen werden die Sonne umrahmen, teils verdecken, vielleicht besser präsentieren als heute. Vielleicht würde die Sonne aber neben ihnen kleiner wirken und unscheinbarer. Vielleicht würde sie wieder gut mit ihren Wölckchen zusammenspielen, sich necken, sich liebkosen, sich streiten.
Auch der Wind wäre anders. Andere Richtung, andere Stärke, andere Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Das Schiff würde mit einem anderen Kurs fahren und den Blickwinkel verändern. Wir sind ganz sicher an einem anderen Ort, wir haben uns fortbewegt und mindestens einen Tag lang neue Erfahrungen gemacht, Gespräche geführt und vielleicht neue Leute getroffen. Also auch wir würden uns weiterentwickelt haben und wären nicht mehr wie heute, wie jetzt.

Es ist schade, um jede vergeudete Minute. Jede Minute, die wir nicht optimal genießen. Jede Minute, wenn wir mit Menschen am Tisch sitzen, mit denen wir eigentlich nicht zusammen sein wollen. Jede Minute abwägen, aufschieben, verpassen. Jede Minute, in denen uns das Geld vielleicht leid tut, wir erwarten, dass die Umstände später besser sind oder wir sogar hoffen, es besser zu haben, woanders zu sein, glücklicher zu sein. Es gab an Bord schon mehrere Todesfälle, was normal ist auf einem Schiff und auf so langen Reisen. Warten und denken, morgen ist auch noch Zeit? Nächste Woche, nächste Reise, nächstes Leben? Wer weiß das schon sicher?
Die Sonne geht auch morgen unter? Bestimmt. Hoffentlich. Aber es wird nie wieder so sein wie jetzt in diesem Augenblick. Niemals mehr. Ich erklärte das meiner Tochter und sie saß auf meinem Schoß, als die Sonne ihre letzten Strahlen über den Pazifik zu uns auf den Balkon schickte.
Entschuldige, Vasco, dass ich den Tanzkurs abgesagt habe, aber die Sonne ging unter. Einmalig.

Musiktipp zur Stimmung: Gerhard Gundermann, Album: "Das letzte Konzert", Titel: "Morgen, morgen"
Anja Fließbach: Samstag, 3 März 2007, 12:17 Uhr

Kommentare zum 56. Beitrag

Liebe Anja, aus eigener leidlicher Erfahrung muss ich deinem Beitrag zustimmen. Ich kann nur jedem Menschen empfehlen, nicht zu lange zu warten bei allen Dingen, die man gern tun möchte oder sagen. Manchmal hat man keine Möglichkeit mehr.
Ich bewundere dich für deine Lebenseinstellung.
Herzlich Deine Anne

Kommentiert von: Anne | Samstag, 3 März 2007, 15:28 Uhr

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Liebe Anja, pass auf, auf die treudeutschen Hausfrauen mit all ihren gesellschaftlichen und familiaeren Verpflichtungen wird das gleich wieder bedrohlich wirken. Du hast dir hier wirklich das falsche Publikum ausgesucht.
Ok, ich kann mich doch nicht GANZ von diesem Blog fernhalten -- ist viel zu spannend. ;)
So, jetzt werde ich einen wunderschoenen Fruehlingstag geniessen, indem ich im Central Park radfahren gehe. (Habe gerade einer Bekannten abgesagt, mit der ich heute ins Kino sollte.. BEVOR ich deinen Beitrag las, deshalb MUSS ich mich melden ;) Ich hatte Zweifel, ihr abzusagen, aber als ich deinen letzten Eintrag las, sind sie wundersamerweise verflogen. Ich mach's doch richtig, ach ja....
An alle meine Fans hier -- ihr koennt mir ja wuenschen, dass ich von einem Laster ueberfahren werde... :-D

PS. Tante Polly, deine Worte haben mich sehr gefreut... ich werde wohl ab und zu doch noch mal hier reinschauen...

Kommentiert von: HappySingleMom | Samstag, 3 März 2007, 17:31 Uhr

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Liebe Anja,
ich habe vor langer Zeit einen Artikel aus unserem Kirchenblatt aufgehoben. Dieser passt prima zu Deinen Überlegungen, so denke ich jedenfalls. Mich hat er aufgerüttelt.
Magische 86400
Stelle Dir vor.........
Eines Morgens erscheint eine Glücksfee und teilt Dir mit, dass Du bei einem Wettbewerb folgenden Preis gewonnen hast:
Jeden Morgen ... stellt Dir die Bank 86400 Euro zur Verfügung.
Doch dieses Spiel hat auch Regeln, so wie jedes Spiel Regeln hat.
1. Regel:
Alles, was du im Laufe des tages nicht ausgegeben hast, wird die nicht wiedergegeben.
Du kannst das geld nicht einfach auf ein anderes Konto überweisen,
du kannst es nur ausgeben.
Aber jeden Morgen eröffnet Dir die Bank ein neues Konto mit 86400 Euro für den kommenden tag.
2. Regel:
Die Bank kann das Spiel ohne Vorwarnung beenden, zu jeder Zeit kann sie sahen:
Es ist vorbei. Das Spiel ist aus. Sie kann das Konto schließen und du bekommst kein neues mehr.
Was würdest du tun?
Du würdest die alles kaufen, was du möchtest..?.. nicht nur für dich selbst, auch für alle Menschen, die du liebst, vielleicht sogar für Menschen, die du gar nicht kennst, da du das Geld nie alles nur für dich alleine ausgeben könntest?
Du würdest versuchen, jeden Cent auszugeben und i8hn zu nutzen...oder?
Aber eigentlich ist dieses Spiel die Realität:
Jeder von uns hat so eine "magische Bank".......
Wir sehen das nur nicht...
Die magische Bank ist die Zeit...
Jeden Morgen, wenn wir aufwachen, bekommen wir 86400 Sekunden Leben für den Tag geschenkt, und wenn wir am Abend einschlafen, wird uns die übrige Zeit nicht gutgeschrieben.
Was wir an diesem tag nicht gelebt haben, ist verloren, für immer verloren, Gestern ist vergangen.
Jeden Morgen beginnt sich das Konto neu zu füllen.
Aber die Bank kann das Konto jederzeit auflösen, ohne Vor-warnung...
Was machst du also mit deinen täglichen 86400 Sekunden?
Sind sie nicht viel mehr Wert als die gleiche Menge in Euro?
Also: Fang mit dem leben deines Lebens jetzt an.
Jetzt!
Liebe Grüße an euch
Ute

Kommentiert von: Ute | Samstag, 3 März 2007, 19:40 Uhr

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Hallo Anja,

das ist der Grund, warum ich Geld, daß ich für Reisen ausgegeben haben (und das ist im Laufe der Jahre sehr viel!) nie nie nie bereue!
Es gibt Leute, die sagen: Dann ist die Reise rum , das Geld ausgegeben und man hat nichts in der Hand.
Ich sage: "Sachwerte" (was für ein Wort) können morgen weg sein - Gründe - es gibt viele: Auto an Baum gesetzt, Hochwasser im Haus, was weiß ich nicht - an so schlimme Sachen wie Krieg mag ich gar nicht denken.
Aber in jeder vielleicht finanziell ärmerern Minute meines Lebens kann ich meine Erinnerungen abrufen. Und niemand kann sie mir jemals nehmen. Nicht die Erinnerung an tiefstehende Sonne im Grand Canyon, nicht das Bild des Wals neben unserem Boot in Neuseeland, nicht den Blick vom Eiffelturm, nicht das Bild von Mutter und Kind im Tempel in Jaipur. Alles Jahre her und glasklar in der Erinnerung.
Nein - die Sonne geht nie wieder so unter - sie geht ähnlich schön unter - aber dieser eine Sonnenuntergang ist ganz besonders - halte die Erinnerung fest und laß Dir nie nie nie dreinreden, was für Dich persönlich Glück bedeutet.
Wendy

Kommentiert von: Wendy | Samstag, 3 März 2007, 21:18 Uhr

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Liebe Ute, liebe Wendy, liebe HSM und liebe Anne,
vielen Dank für eure Kommentare zu diesem Beitrag hier.
Eine Gänsehaut lief mir beim Lesen den Rücken hinunter.
Nach euren Worten weiß ich, dass ich mir mit diesem blog nicht umsonst so viel Mühe gebe.
Und an alle anderen auch lieben Dank einfach mal zwischendurch für eure Meinungen.
Eure Anja

Kommentiert von: Anja K. Fließbach | Sonntag, 4 März 2007, 9:14 Uhr

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Diese Passagiere... Ja, Anja. Sonnenuntergänge auf See sind immer wieder faszinierend. Selbst wenn man schon 500 gesehen hat ist der 501. wieder beeindruckend. Wenn ich für ein paar Wochen auf Urlaub an Land bin, schlafe ich erst ein paar Tage durch und dann vermisse ich schon langsam wieder dieses Feeling von Abenteuer und Freiheit. Selbst wenn wir nur selten dazu kommen, alles so zu genießen wie ihr. Die meisten von uns sind sich bewusst, wie gut wir es eigentlich haben.
Was machen denn die Freunde an Bord? Ich wette, es ist genauso gekommen, wovor ich dich gewarnt hattet? Manus

Kommentiert von: Manus | Sonntag, 4 März 2007, 15:02 Uhr

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Die besten und schoensten Momente im Leben sind solche, die man ALLEINE verbringt. Man ist nicht abgelenkt, der Kopf ist frei. Nicht immer moeglich, ich weiss, aber auch wenn man vor "Gesellschaft" nicht immer fluechten kann, kann man sich doch IM KOPF abgrenzen.
Anja, ich habe den Eindruck, dass du das Alleinesein zu schaetzen weisst, und es auch DURCHSETZT, das ist der springende Punkt. Du verschwendest keine Zeit mit Menschen, die dich nicht wirklich interessieren.
Du scheinst auch entdeckt zu haben, dass man sich jemandem, den man gerade erst kennengelernt hat, naeher fuehlen kann, als der stets hoch angepriesenen "Familie". Siehe Mila. Wenn man mit jemanden lachen kann ohne sich erklaeren zu muessen -- das ist ECHT, das ist ETWAS WERT. Zeit zu verschwenden mit Leuten, die einen weder interessieren noch verstehen, nur weil es sich "so gehoert" -- dazu ist das Leben viel zu kurz.
Dazu faellt mir auch gerade ein, wie du irgendwann mal in den Kommentaren deinen Ex und deinem Vater sehr direkt zum Teufel gejagt hast... :-D. Hat mir gefallen.
Ich glaube, SO ETWAS ist es, was Lieschen Mueller nicht schnallt. Lieschen Mueller zitiert mit erhobenem Zeigefinger Kalendersprueche darueber, dass man das Leben geniessen soll -- und geht dann "Kontakte pflegen". Ist das der Sinn der Sache?

Kommentiert von: HappySingleMom | Sonntag, 4 März 2007, 16:23 Uhr

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Liebe Anja,
Ihr Blogeintrag hat Erinnerungen in mir wachgerufen an die Jahre, die ich direkt am Pazifik gelebt habe, und den Sonnenuntergang ueber dem Meer im Wohnzimmer genossen habe, jeden Abend anders, jeden Abend andere Farben, das Meer in einer anderen Stimmung, und es wird nie wieder genauso kommen. Viele Besucher, deutsche und anders, haben uns immer wieder verwundert gefragt, warum wir in einem unrenovierten, zugigen Haus in einer oft nebligen Gegend (mit unverbautem Blick auf den Pazifik vom Wohnzimmer aus) wohnen: der Sonnenuntergang war einer von den Hauptgruenden -einfach nur dazusitzen und zu geniessen - alleine, zu zweit oder mit Freunden. Gab mir das Bild von Frieden, und vor allem Vergaenglichkeit, die endlosen Wellen des Ozeans, die immer da sein werden.
Das andere war der Mond - nachts um 3 in eine Decke gehuellt im Wohnzimmer zu sitzen und den Mond anzugucken der silbrig ueber dem Pazifik haengt - ich wuenschte ich koennte das poetischer ausdruecken.
Freuen Sie sich auf San Francisco (ich gehe davon aus, dass das auf der Weltreise auch angesteuert wird)!
Gute Reise noch,
Alexandra

Kommentiert von: Alexandra | Montag, 5 März 2007, 17:09 Uhr

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(Letzte Aktualisierung: 10.3.2007)